[Dieser Aufsatz ist eine überarbeitete Fassung eines Beitrags zum Forschungskolloquium von Prof. Dr. Wolfgang Welsch im Wintersemester 1999/2000 am Institut für Philosophie der Friedrich-Schiller-Universität Jena.]



Leif Frenzel

Weltbegriff und Widerspruch

Zu einer sprachanalytisch-logischen Strömung des 20. Jahrhunderts



Einleitung

I. Ausgangspunkte: Hegel, Wittgenstein und Meinong

II. The Logic of Inconsistency - Semantische Grundkonzepte

III. Weltbegriff und Fragmentierung

IV. Meinongianismus

Zusammenfassung

Literatur


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Einleitung

Es ist zum (hier nicht weiter thematisierten und diskutierten) Konsens geworden, daß in den vergangenen Jahren verstärkt eine Durchdringung von sogenannter "kontinentaler" und sogenannter "analytischer" Philosophie stattgefunden hat. Innerhalb der analytischen Philosophie führte dies dazu, daß gegenwärtig einerseits die eigene Entwicklung (grob gesagt zwischen Freges Grundlagenarbeit zu formalen Systemen und dem gegenwärtigen Stand) reflektiert sowie andererseits die Beziehungen, also systematischen Analogien und historischen Zusammenhänge zu anderen (vorangegangenen oder gleichzeitigen) philosophischen Strömungen untersucht werden.

Gelegentlich spricht man in diesem Zusammenhang von einer auffälligen Analogie zwischen neueren Konzepten in der analytischen Philosophie (insbesondere in Logik und Epistemologie) und Elementen der Position Georg Wilhelm Friedrich Hegels. Das betrifft vor allem jüngere Autoren wie John McDowell und Robert Brandom.

Eine solche Analogie scheint prima facie auch in Hinsicht auf den Status vorzuliegen, der Widersprüchlichkeit und Konsistenz innerhalb dieser Konzeptionen eingeräumt wird. Während bei Hegel (grob gesagt) Widersprüche eine wichtige Funktion für die Dynamik in der Entwicklung des Denkens haben, ist für eine so stark auf Logik zentrierte philosophische Richtung, wie die analytische Philosophie es vor allem in ihren Anfängen war, ein Widerspruch zunächst ein unter allen Umständen zu vermeidendes Übel gewesen, ein Katastrophensymptom. Diese Haltung hat sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts spürbar geändert. Das schlägt sich in einer recht einflußreichen Strömung innerhalb der analytischen Philosophie nieder, die Thema meines Aufsatzes ist.

Ich werde zunächst (Abschnitt I) kurz die wichtigsten Kontexte skizzieren, in denen diese Thematisierung des Status von Konsistenz und Widerspruch erfolgte. Dabei lassen sich zwei Hauptlinien ausmachen: eine durch Wittgenstein und eine durch Meinong inspirierte.

Im Hauptteil dieses Aufsatzes stelle ich dann zunächst (Abschnitt II) ein paradigmatisches Werk vor, in dem die einschlägigen inhaltlichen Positionen (auf vorbildlichem technischen Niveau) entwickelt werden sowie das Verhältnis der oben genannten Hauptlinien ablesbar sind: The Logic of Inconsistency von Nicholas Rescher und Robert Brandom.[1] Einige relevante Konsequenzen dieser Konzeption werden dann (Abschnitt III) erörtert. Da dieses Buch in der Zielsetzung allerdings eher auf die Wittgensteinianische Perspektive orientiert ist, gehe ich zuletzt (Abschnitt IV) eigens noch einmal kritisch auf den neo-Meinogianismus ein.

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I. Ausgangspunkte: Hegel, Wittgenstein und Meinong

Die Neubewertung der Kategorie der Konsistenz kommt im 20. Jahrhundert im wesentlichen durch Anschluß an drei unterschiedlichen Philosophien zustande, die ich hier, um einer Verstrickung ins Exegetische zu entgehen, kurzerhand an drei Philosophen festmache: Hegel, Wittgenstein und Meinong. Dabei sind die beiden letzteren die faktischen historischen Referenzpunkte für die hier vorgestellte Strömung innerhalb der Logik; Hegel steht im Mittelpunkt des gegenwärtigen systematischen Interesses.

1. In der Auseinandersetzung mit Hegels Philosophie zeigt sich das Erfordernis einer Realitätskonzeption, nach der die Realität widersprüchliche "Wahrheiten" in sich faßt. Robert Solomon, in seiner Rekonstruktion von Hegels Gedanken (zumindest denen in der Phänomenologie des Geistes), skizziert ein Verständnis des umstrittenen Begriffs des "absoluten Wissens", und zwar in der folgenden These: "the world itself is contradictory, but philosophy, through reason, is capable of reconciling such contradictions" [2]

Daraus ergibt sich sofort eine enorme Schwierigkeit, denn wie könnte eine vernünftige Philosophie eine Realität erfassen, die Widersprüche enthält, wenn es doch andererseits seit jeher als ein sicheres Zeichen für die Falschheit einer jeglichen Auffassung gilt, wenn ein Widerspruch in ihr aufgezeigt werden kann?

Solange es als notwendige Bedingung für Wahrheit (einer Aussage oder Theorie) gilt, daß sie keinen Widerspruch enthält, kann sie keine einander widerstreitenden Positionen in sich aufnehmen. Diese Situation ist hier verändert:

"If 'the Truth' [...] means a total comprehensiveness which includes all possible viewpoints, if all 'forms of consciousness' have their own truth [...], the the Truth must in some sense consist of contradictory truths." [3]

Es kommt also seit Hegel verstärkt die Notwendigkeit in den Blick, einen theoretischen Zugang zu der Tatsache zu liefern, daß es einander widersprechende Konzepte in der Wirklichkeit gibt, daß diese die Wirklichkeit prägen (was eigentlich nicht eine negative, sondern eine zu begrüßende Tatache ist, weil ja Widerspruchssituationen üblicherweise produktiv sind) und letztlich ein Stück der Wirklichkeit ausmachen. Dies erfordert ein Umdenken des Wahrheitsbegriffs hinsichtlich des Konsistenzkriteriums.

2. Auch Wittgensteins Philosophieren legt es uns nahe, unsere Haltung bezüglich Konsistenz und Widerspruch zu revidieren. In den Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik kündigt er an: "Mein Ziel ist es, die Einstellung zum Widerspruch und zum Beweis der Widerspruchsfreiheit zu ändern." [4]

Die Einstellung, gegen die er antritt, ist eine solche, die die oft nützliche Regel "Vermeide Widersprüche!" zu einem "Wann immer in einem logischen System (und, auf einen weiteren Kontext übertragen, in einem Sprachspiel) ein Widerspruch auftritt, dann hat es einen prinzipiellen Konstruktionsfehler und ist unbrauchbar." verabsolutiert.

Es liegt also eine Mißinterpretation der Situationen vor, in denen man es mit Widersprüchen zu tun hat, wenn man meint: "[...] der Widerspruch zeige an, daß etwas in unserm Kalkül nicht in Ordnung sei. Er sei bloß das lokale Symptom einer Krankheit des ganzen Körpers." [5] Diese totalisierende Perspektive ist verfehlt: "Der Kalkül verleitete mich an gewissen Stellen zur Aufhebung seiner selbst. Ich will nun einen Kalkül, der dies nicht tut und schließe diese Stellen aus. - Heißt das aber, daß jeder Kalkül, in dem eine solche Ausschließung nicht stattfindet, ein unsicherer ist? 'Nun, die Entdeckung dieser Stellen war uns eine Warnung'. - Aber hast du diese 'Warnung' nicht mißverstanden?" [6]

Wittgenstein empfiehlt einen toleranteren Umgang mit logischen Systemen oder auch Sprachspielen, in denen Widersprüche auftreten: "Wir sagen, der Widerspruch würde den Kalkül vernichten. Aber wenn er nun sozusagen in winzigen Dosen aufträte, gleichsam blitzweise, nicht als ein ständiges Rechenmittel, würde er da den Kalkül auch vernichten?" [7] [8] - ohne allerdings selbst allzu systematisch und kohärent Richtlinien dafür zu entwerfen, wie dies aussehen könnte.

Zu zeigen, daß diese Empfehlung mit einer gewissen Schlüssigkeit aus Wittgensteins Philosophieren folgt, würde hier den Rahmen sprengen. Es ging mir zunächst vor allem um die charakeristische Veränderung in der Haltung, die sich als eine der Hauptlinien durch die Strömung zieht, die ich hier vorstelle [9].

3. Die andere Hauptlinie, aus einer ähnlichen Art der Argumentation ex negativo heraus entstehend, schlägt sich in einer Bewegung innerhalb der analytischen Philosophie nieder, die von Rescher als "the Meinong Revival" bezeichnet wird: "It is no exaggeration to say that a small but powerful 'back to Meinong' movement is astir. [...] In particular, several logicians have sought to rehabilitate Meinong's theory of 'impossible' objects." [10]

Darin zeigt sich (neben der von Wittgenstein initiierten Neubewertung des Status von Widersprüchen als theoretische Veto-Berechtigte) eine zweite Dimension, entlang welcher die von Rescher, Brandom und anderen entwickelte "logic of inconsistency" eine philosophische Relevanz aufweisen könnte.

Damit meine ich nun allerdings nicht, daß ich es tatsächlich für eine besonders gute Idee halte, eine Gegenstandstheorie vom der Meinongschen Art aufzustellen [11]. Es geht auch nicht um die Frage, inwieweit eine "historisch adäquate Rekonstruktion" von Meinongs Auffassungen geleistet werden sollte. (Sämtliche "Meinong-Revivalisten" weisen ständig darauf hin, daß es ihnen nicht um eine solche, sondern um eine Erörterung aus systematischem Interesse geht.) [12] Gemeint ist ein anderer Punkt:

Meinong selbst motiviert seine Gegenstandstheorie hauptsächlich aus einem Phänomen, das auch (und ganz besonders) die sprachanalytische Philosophie des 20. Jahrhunderts beschäftigt hat: die Intentionalität sprachlicher Ausdrücke. Viele Sprachphilosophen haben akzeptiert, daß es sich dabei um eine irreduzible Eigenschaft der Sprache handelt; aus einer solchen Auffassung ergibt sich allerdings die Schwierigkeit, erklären zu müssen, wie man etwas über einen Gegenstand aussagen (denken, von ihm wünschen usf.) kann, der nicht existiert. Drei grundlegende Basiskonzeptionen, die weitgehend akzeptiert werden, untereinander aber nicht kompatibel sind, konfligieren hier: eine physikalistische Ontologie, nach der ein Gegenstand nur etwas raumzeitlich Situierbares sein kann, eine Referenztheorie, nach der sprachliche Ausdrücke intentional auf etwas gerichtet sein können ("über" etwas sein können), das man dann sinnvollerweise ein "Objekt" nennen sollte, und das Phänomen der "intentionalen Nichtexistenz", also genau die Fälle, in denen ein sprachlicher Ausdruck auf etwas referiert, das nicht existiert [13].

In dieser Situation empfiehlt sich eine Gegenstandstheorie im Stil des Meinongianismus als ein möglicher Ausweg aus dem Trilemma. Man ändert seine Ontologie in einer solchen Weise ab, daß sie auf die nötige Theorie sprachlicher Intentionalität "paßt". Wegen der Signifikanz des Problems werde ich im Abschnitt V auf diese neo-Meinongianische Strömung zurückkommen, wenn ich auch der Lösung selbst eine weit geringere Bedeutung zumessen würde (abgesehen davon, daß der Weg, der sich als Sackgasse erweist, dann wenigstens einmal kartographiert wurde - und daß es eine Sackgasse war, ließ sich ja anders nicht herausfinden).

4. Durch die historische Kontextualisierung lassen sich also zwei Hauptlinien aufzeigen: eine an Wittgenstein und eine an Meinong orientierte.

Nach Wittgenstein läßt die bisherige Erforschung der Möglichkeiten der Sprache aus Überschätzung einer Gefahr ganze Gebiete dahinfahren, dagegen empfiehlt er eine tolerantere Haltung: "Der Zaun, den ich um den Widerspruch ziehe, ist kein Über-Zaun." [14] Aus einer Meinongianischen Sicht gilt es ebenfalls, solche vernachlässigten Gebiete zu erkunden, hier steht allerdings nicht eine Methodenreflexion am Ausgang (methodisch neue, tolerantere Wege ausprobieren), sondern eine alternative ontologische Konzeption (die selbst aus einer sprachphilosophischen Intuition motiviert ist). Wo Wittgenstein eine größere Vielfalt an Sprachspielen in den Blick rücken will, geht es Meinongianern eher um die Rehabilitation gewisser ontologischer "Reiche", namentlich solcher, die nicht-existente Gegenstände beinhalten [15].

Das allen diesen (in Zielen und Vorgehensweisen so unterschiedlichen) philosophischen Positionen Gemeinsame ist also eine Verschiebung in der Wahrnehmung dessen, was Widersprüche (oder Konsistenz) signalisieren. Aus dem Auftreten von Widersprüchen wird nicht mehr länger ausschließlich und radikal eine Unstimmigkeit im Denken diagnostiziert und dieses allein einer Therapie unterzogen, sondern es wird verstärkt überlegt, ob nicht den Widersprüchlichkeiten im Denken bzw. im Sprachgebrauch bestimmte Aspekte der Wirklichkeit korrespondieren.

Die Konsequenz aus dieser veränderten Haltung ist eine Revision der Prinzipien der Meta-Ebene des eigenen Vorgehens, und somit (da diese sich exemplarisch im logischen und methodologischen Instrumentarium kristallisiert haben) eine Revision vor allem im Bereich der Logik und Wissenschaftstheorie. Einem jüngeren Beispiel dafür wende ich mich jetzt zu.

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II. The Logic of Inconsistency - Semantische Grundkonzepte

Rescher und Brandom setzen in der Entwicklung ihrer Position eine Reihe von semantischen und logischen Konzepten voraus, die einem hochformalisierten, "technischen" Diskurs entstammen. Nichtsdestotrotz werden sie üblicherweise mit (scheinbar) vertrauten Ausdrücken belegt, wie etwa "Welt [world]", "Gegenstand [object]", "Forschungsprozeß [inquiry]" usf. Das kann leicht zu Mißverständnissen führen, wenn nicht die spezifische Bedeutung dieser Termini berücksichtigt wird, wie sie durch die Verwendung in den enstprechenden formalen Sprachen mitkonstituiert wird.

Ich beginne daher zunächst mit einer informellen Hinführung auf die semantische Konzeption Reschers und Brandoms (§1), erläutere dann die formalen Kunstgriffe (§§ 2-3) und das Verhältnis der intendierten Semantik zu Ontolgie (§ 4) und Wissenschaftstheorie (§ 5).

1. Der Ausdruck "mögliche Welt" ist ein terminus technicus, der in der analytischen Philosophie nicht nur sehr beliebt war, sondern auch eine Reihe unterschiedlicher Interpretationen erfahren hat. Daß er dabei an Schärfe verloren hat, ist nicht verwunderlich; dennoch gibt es einen begrifflichen Kern, der beinahe allen Verwendungsweisen gemeinsam ist. Um diesen herauszustellen benutze ich die Darstellung eines der bekanntesten m-Welten-Theoretikers, David Lewis, die er in seinem Werk On the Plurality of Worlds gegeben hat.

Das begriffliche Instrumentarium der m-Welten-Semantik ist ursprünglich im Kontext der Modallogik entwickelt worden, die für bestimmte Sorten von Kalkülen Modelle benötigte. (Das betraf natürlich nur künstliche Sprachen mit einem sehr begrenzten Vokabular und wenigen - allerdings präzise formalisierten - sprachlichen Strukturelementen.) Man hat eine (künstliche) Sprache und benötigt zum Verständnis der Funktionsweise dieser Sprache die Möglichkeit, konkrete Instanzen zu imaginieren. Dafür ein Beispiel:

Solange wir von der Voraussetzung ausgehen, daß wir nur über die Früchte in einem (beliebigen, aber bestimmten) Garten reden, solange können wir dieses Modell unserer Rede als die "Welt" betrachten, über die wir sprechen. Aussagen wie etwa die, daß in diesem Garten alle Äpfel noch grün, keine Stachelbeeren mehr vorhanden, die Birnen in diesem Jahr matschiger als im vergangenen sind, sind in dieser Welt wahr oder falsch. Die Gesamtheit aller möglichen Aussagen ist eine vollständige Beschreibung dieses Modells. Aussagen über Computerchips, die Würde von Menschen in totalitären Staaten, oder die Langweiligkeit der Sinfonien drittklassiger Komponisten wären (insofern wir nur dieses Modell betrachten) sinnlos, denn in dem Garten gibt es keine Computer, totalitären Staaten oder Sinfonieorchester.

Daran zeigt sich zweierlei: erstens, inwieweit ein Begriff einer Welt über den Begriff eines Modells (wie es ein solcher hypothetischer Garten ist) hinausgehen muß - wenn es um den Begriff einer Welt geht, dann muß in dieser Welt jeder Satz einen Sinn haben, inklusive der theoretischen, ethischen oder ästhetischen Sätze des von mir zitierten Typs [16].

Zweitens kann man nun demonstrieren, wie eine m-Welt erzeugt wird. Wenn in dem betrachteten Garten alle Äpfel grün sind, so läßt sich dennoch eine kontrafaktische Aussage der Form: "Es hätte ja sein können, daß einige Äpfel schon rot sind." machen (und nach bestimmten Regeln, die allerdings nicht dieselben wie die Regeln für nicht-kontrafaktische Aussagen sind, auch evaluieren) [17]. Fragt man sich, unter welchen Bedingungen diese Aussage wahr wäre, so ist die Antwort: In einem Garten, der sich vom wirklichen Garten genau in der Hinsicht unterscheidet, daß einige Äpfel darin rot sind. Dieser zweite Garten ist dann sozusagen ein "möglicher" Garten; man kann sich auch vorstellen, neben dem wirklichen Garten befände sich ein zweiter, der ein genaues Duplikat des ersten ist, abgesehen davon, daß einige Äpfel schon rot sind.

Analog funktioniert der Begriff der möglichen Welt. (Nur ist es höchst umstritten, ob man sich auch andere mögliche Welten als irgendwo "neben" der wirklichen Welt existierende vorstellen sollte; David Lewis ist ein Vertreter der These, daß man sollte. Das ist der distinkte Punkt an seiner These der "Plurality of Worlds".) Eine mögliche Welt ist eine vollständige Welt in dem Sinne, daß alles, was sich innerhalb eines raum-zeitlichen Kontinuums befindet (oder, anders formuliert, in einem gemeinsamen raum-zeitlichen Koordinatensystem beschrieben werden kann) auch gemeinsam zu einer Welt gehören muß. Zwischen Welten gibt es weder kausale noch spatiotemporale Relationen.

Dieser Begriff von Welt ist also nicht äquivalent mit der Redeweise von der "Welt" einer früheren Epoche (z.B. in Formulierungen wie "die Welt des Barock" oder ähnlichen) oder der "Welt" eines uns fremden Kulturkreises. Insofern etwas als raumzeitlich entfernt beschrieben werden kann, gehört es zur wirklichen, nicht zu einer möglichen (und damit nicht zu einer anderen) Welt [18].

2. Rescher und Brandom benutzen keinen so scharfen Begriff möglicher Welten. Insbesondere empfehlen sie, Phasen (oder Stadien) evolutionärer Prozesse mit Hilfe einer Terminologie zu analysieren, die diese evolutionären Stadien als mögliche Welten faßt [19].

Der hierzu benötigte Begriff von möglichen Welten müßte allerdings so beschaffen sein, daß er eine Handhabe für die spezifische Unterschiedlichkeit dieser Weltzustände bietet, insbesondere für den Aspekt, daß spätere Weltzustände Eigenschaften aufweisen, die in früheren nicht vorhanden sind (im evolutionstheoretischen slang sogenannte "emergente Eigenschaften") [20]. Aus diesem Grund führen Rescher und Brandom die Unterscheidung zwischen standardgerechten [standard] und nicht-standardgerechten [non-standard] m-Welten ein [21]. S-p-worlds sind in eben dem Sinne vollständig und konsistent, wie ich es oben beschrieben habe. Non-s p-worlds hingegen können entweder schematisch oder inkonsistent sein. Schematische Welten sind (was bestimmte, einzelne Sachverhalte in diesen Welten betrifft) unterbestimmt, d.h. es gibt Sachverhalte der Art, daß eine sie betreffende Aussage weder wahr noch falsch ist [22]. Eine schematische Welt wäre also in Hinsicht einer in einer s-Welt bestimmt wahren oder falschen Aussage unbestimmt. Analog sind inkonsistente Welten überbestimmt, d.h. es gibt Aussagen, die gemeinsam mit ihrer Negation wahr sind [23].

Formal werden diese Unterscheidungen so eingeführt, daß für eine Aussage P, die einen bestimmten Sachverhalt behauptet, und ihre Negation eine strikte Unabhängigkeit postuliert wird. Demnach läßt sich aus der Wahrheit von P die Falschheit von nicht-P (und umgekehrt) nicht mehr schließen [24]. Also greift das Prinzip nicht mehr, nach dem in einer Welt entweder eine Aussage oder ihre Negation wahr ist. Das gilt nur für s-Welten, nicht aber für non-s-Welten. In non-s-Welten sind sowohl P als auch nicht-P wahr (inkonsistente Welt) oder falsch (schematische Welt) [25].

3. Bis zu diesem Punkt mag das wie eine mutwillige Spielerei mit Sätzen und Wahrheitswerten erscheinen; was nötig wäre, um eine ernsthafte Diskussion dieser Begriffe zu ermöglichen, ist eine semantische Motivation und eine Klärung des Verhältnisses des hier verwendeten Begriffes einer (möglichen) Welt und des herkömmlichen Begriffs der Welt, in der Tatsachen bestehen oder nicht bestehen.

Es wird daher zunächst ein dynamisches Element in Reschers und Brandoms Konzeption eingeführt: non-s-Welten kann man sich vorstellen als Resultate einer Überlagerung von s-Welten [26].

Dieser Schritt ist aus sich selbst heraus sicherlich nicht plausibel und bedarf einer Motivation und Rechtfertigung. Ich versuche eine Erklärung, von der ich nicht genau weiß, ob sie im Sinne von Rescher und Brandom ist, die mir aber einleuchten würde.

Es gibt bestimmte, relativ komplizierte Strukturen, beispielsweise Interferenzmuster von Licht, die sich sehr einfach als aus zwei einander überlagernden Strukturen bestehend erklären lassen, die sehr viel einfacher sind. Eine präzise Beschreibung eines Interferenzmusters, etwa mit arithmetischen Mitteln, wäre reichlich schwierig (denn bekanntlich handelt es sich um ein ziemlich komplexes Muster). Eine Lichtwelle zu beschreiben ist viel einfacher (mit Hilfe weniger Parameter wie Amplitude, Energie usf.), und die Überlagerung zweier Lichtwellen darzustellen ist auch nicht schwierig.

Wann immer also komplizierte Muster von Art der Interferenzbilder zu sehen sind, können wir fortan diese als zwei überlagerte Wellen betrachten. Wir müssen allerdings ein Vokabular an die Interferenzmuster herantragen (nämlich das Vokabular aus der Wellentheorie), das prima facie nichts mit diesen Bildern zu tun hat. Es erleichtert aber die Analyse der tatsächlichen Bilder sehr.

Brandom und Rescher wollen vorschlagen, unter Realität etwas zu verstehen, was von der Art einer inkonsistenten oder schematischen Welt ist, weil die Realität komplizierte Muster aufweist, die man möglicherweise in die einfachen Muster zweier (nach Standard konzipierter) Welten zerlegen kann.

Daraus ergeben sich dann Konsequenzen für den gesamten formalen Apparat, der in der Logik benutzt wird, beispielsweise für den Begriff des Gegenstandes, die Theoreme bezüglich der Objektindividuation, Identität, Quantifikation, Schlußfolgerung [inference] usf. Aus der Sicht der Meinongianer sind diese Konsequenzen (vor allem bezüglich des Gegenstandsbegriffs, der nun auch inkonsistente oder schematische Gegenstände einschließen kann) natürlich die Motivation für diesen Schritt [27].

Zusammengenommen entsteht mit diesen Elementen die gewünschte Theorie, in der inkonsistente oder schematische Welten der Art vorkommen, wie Brandom und Rescher sie sich vorstellen.

4. Rescher und Brandom betonen eine gewisse ontologische (im Gegensatz zu - wohl eher unkontroverser - epistemologischer) Relevanz für ihre Theorie [28].

Diese Unterscheidung ist so verstanden, daß die Inkonsistenz nicht nur auf der Subjektseite einer Subjekt-Objekt-Beziehung auftritt (das wäre bloß epistemologisch in dem Sinn, daß es darum geht, einem erkennenden Subjekt eine widersprüchliche Auffassung von etwas zuzuschreiben), sondern ebenso auf der Objektseite. Das ist im Falle künstlicher Sprachen die stipulativ festgelegte "Welt", die das Modell bildet, in welchem die Sätze der Sprache evaluiert werden; im Fall der natürlichen Sprachen ist es die Realität selbst. Inkonsistenz ist also nicht nur "a matter of inconsistent beliefs in a cognitive system", sondern es geht um die "subject-matter for such a system". Dabei ist diese inkonsistent im Sinne einer als inkonsistent zu analysierenden ontologischen Struktur (d.i. einer Welt), die mit den Mitteln von LI, 6f. beschrieben wird.

Das Insistieren auf dem ontologischen Charakter der Untersuchung läßt sich also reformulieren als ein Insisistieren darauf, daß bei Betrachtungen, die Erkenntniskontexte betreffen, die Objektseite ebenso in diese Betrachtung einbezogen werden muß wie die Subjektseite. Das bisherige Verständnis der Inkonsistenzthematik hat sich bisher einseitig darauf festgelegt, die Widersprüche ausschließlich auf der Subjektseite zu sehen, von vornherein Widersprüche auf der Objektseite ausgeschlossen.

Noch ein Hinweis: Rescher und Brandom entwickeln ihre Terminologie von non-s-Welten in der Tat so, daß sie einen Begriff von s-Welten voraussetzen und non-s-Welten auf diesem Begriff definieren. Sie legen allerdings Wert darauf, daß diese Richtung umkehrbar ist (was sie auch formal beweisen). Die faktische Richtung der terminologischen Entwicklung hat also in erster Linie eine didaktische Funktion.

5. Die Konsequenzen aus der Konzeption von Rescher und Brandom für wissenschaftstheoretische Fragen sind zweierlei Art: sie betreffen einerseits den Status von Inkonsistenz als absolutes Symptom für die Unzulänglichkeit einer Theorie, andererseits die Frage, ob Theorien, die (nach der Empfehlung Reschers und Brandoms) akzeptieren, daß die Wirklichkeit Widersprüche und Unbestimmtheiten enthält, deshalb notwendig ebenfalls inkonsistent bzw. unvollständig sein müssen.

Die offenbare Eigenart der vorgestellten Position ist, daß sie ein typisches konstitutives Ideal für rational geführte Forschungsprozesse scheinbar in Frage stellt (oder doch zumindest relativiert), nämlich das Ideal, daß Theorien mit dem Anspruch, die Wirklichkeit adäquat zu erfassen, vollständig und konsistent sein müssen. Vollständig bedeutet dabei, daß für jede Frage eine wahrheitswertfähige Antwort gegeben werden kann, konsistent meint, daß für eine Frage nicht eine Aussage und ihre Negation gleichermaßen rational begründet sein können [29].

Dieses Ideal wird fallengelassen. Das bedeutet allerdings nicht, daß das Konsistenzkriterium für rational geführte Erkenntnisprozesse aufgegeben wird; aufgegeben wird nur seine Gewichtung als ein absolutes Kriterium: "In its [the present perspective's] suggestion that consistency too is a matter of degree, it puts all of the parameters of cognitive systematization on a par in this important regard." [30]

Es ist nun zu klären, wie weit diese Relativierung gehen soll. Es ist klar, daß die Empfehlung, ab und an die eine oder andere Inkonsistenz zuzulassen, nicht hinreichen kann. Es wäre wohl auch etwas dürftig, sich hier auf den diplomatischen Hinweis zurückzuziehen, das sei völlig abhängig vom Kontext und daher von Fall zu Fall zu entscheiden. Wenn es eine philosophische Position zu der Frage gibt, muß sie zumindest Richtlinien angeben können.

Rescher und Brandom haben allerdings nicht eine Grenzwertbestimmung im Sinn, nach der ein (quantitativ irgendwie bestimmtes) Maß an inkonsistenten Aussagen in einer non-s-world etwa nicht überschritten werden dürfe. Es geht ums Prinzip, also um das Verhältnis von Welt und Theorie (oder dergleichen, also Erkenntnisse, Meinungen, Wünsche usf.). Dabei gilt, nach den entspannteren Meta-Prinzipien, daß auf der Objektebene eines solchen Verhältnisses nun generell Widersprüche oder Unbestimmtheiten auftreten können (wo sie bisher üblicherweise von vornherein ausgeschlossen waren), obwohl auf der Subjektebene ein Konsistenzideal herrschen kann. (Für bestimmte Arten von Diskurs muß es ohnehin nicht gelten; der Punkt ist lediglich, daß wissenschaftliche Theorienbildung auch für Rescher und Brandom nach wie vor diesem Konsistenzideal auf der Theorienebene unterliegt.)

"The traditional regulative maxim of rational inquiry ('Keep your own discussion consistent') is not something we need abandon: even if the world is inconsistent, we can reason about it in a self-consistent manner." [31] [32]

Wichtig ist, daß kein Implikationsverhältnis zwischen der Inkonsistenz der Realität, also Inkonsistenz auf der Objektebene, und Inkonsistenz in der Theorie besteht: "There is an important difference [...] between (1) a consistent picture of a world: a world described consistently, [...] and (2) a picture of a consistent world: [...] a world described as consistent. There is [...] a critical difference between a consistent world-description and a consistent-world description." (LI, 138f.)

Das Rescher-Brandom-Unternehmen kann also (unter anderem) als ein solches charakterisiert werden, das diese Unterscheidung herausarbeitet und in ein (erstaunlich detailliertes und präzises) begriffliches System faßt.

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III. Weltbegriff und Fragmentierung

Ich erörtere in diesem Abschnitt nun einige philosophisch relevante Konsequenzen aus der Konzeption von The Logic of Inconsistency. Das bezieht sich im wesentlichen auf Fragen der kontextuellen Relativität von Überzeugungen und auf den Begriff der Realität.

Dabei geht es zunächst (§ 1) um das (in der analytischen Philosophie wichtige) Konzept der Zuschreinbung von Auffassungen, weiterhin (§§ 2-3) umd Möglichkeiten des Konzipierens von Gesamtheiten von Auffasssungen (dabei spielt der Begriff der Fragmentierung eine Rolle) [33]. Ich skizziere schließlich (auf einem allgemeinen Niveau) im § 4, wie sich die Konzeption von Rescher und Brandom auf das Verhältnis von Denken und Wirklichkeit (in Brandoms Terminologie: von Idealität und Realität) anwenden läßt, so daß ein hinreichend präzise gefaßter Begriff von Realität formuliert (und im Zweifelsfall in seinen Konsequenzen bis "hinunter" zu Wahrheitswerten einzelner Aussagen angewandt) werden kann.

1. Die von Rescher und Brandom entwickelten formalen Mittel erlauben es, eine präzise Formulierung der kontextuellen Relativität von Überzeugungen anzugeben, wobei diese Überzeugungen (die typischerweise, würden wir sagen, eine "Weltsicht" bilden) weder vollständige noch konsistente logische Systeme bilden müssen, nichtsdestotrotz aber gewissen Minimalforderungen bezüglich ihrer Kohärenz genügen.

Das ist besonders wichtig, weil die Interpretation von Sätzen in der neueren Sprachphilosophie (die in dieser Frage generell sehr stark von Davidson beinflußt ist) immer davon abhängig ist, daß sie einem Individuum (das sich in einer bestimmbaren Situation befindet) als propositionale Einstellung [propositional attitude] zugeschrieben werden können. Da bekanntlich Individuen keineswegs immerzu in der Gesamtheit ihrer Überzeugungen konsistent sind, besteht hier ein Problem, das eine Sprachphilosophie lösen muß: Die Theorie der sprachlichen Handlungen muß Sätze zuschreiben, die wechselseitig inkompatibel sind, ohne das für sie konstitutive Ideal der eigenen Konsistenz aufzugeben. Wie gesagt ist der von Rescher und Brandom entwickelte formale Apparat für solche Zwecke geeignet [34] [35].

2. Offenbar geht es also weniger um die Frage, inwiefern (in einer m-Welt) alle Sätze miteinander in Konjunktion betrachtet werden können. (Das entspräche einem god's-eye-view, und so etwas gibt es nicht.) Die Idee ist vielmehr, daß jede Zusammenschau einer Menge von Sätzen, die in einer Welt evaluierbar sind (und solche Zusammenschauen sind z.B. Weltsichten einzelner Individuen, oder transindividuelle Gebilde wie wissenschaftliche Theorien, Kunststile, moralische Wertekanons usf.) nur ein Fragment der Gesamtheit zum Vorschein bringt. Ein solches ist üblicherweise kohärent und konsistent, zumindest geht das interne Bestreben beim Aufbau eines Fragments in diese Richtung [36].

Interessant ist nun das Verhältnis unterschiedlicher derartiger Fragmente. Wäre es so, daß jedes mögliche Paar solcher Fragmente immer untereinander kompatibel wäre (d.i. das eine der Fragmente ist vollständig in das andere transformierbar und vice versa), dann hätten wir eine angenehm einfache Situation. Leider muß das aber nicht zwangsläufig so sein; Fragmente können untereinander konfligieren. Nicht alles, was im einen Fragment wahr ist, muß im anderen überhaupt zugänglich sein, und (schlimmer noch) es kann sogar vorkommen, daß einiges, was im einen Fragment sicher und begründet wahr ist, im anderen ebenso sicher und begründet falsch ist.

Bei der Konstruktion eines Fragments selbst gilt also die Regel, daß es nur so gebaut werden darf, daß einander widersprechende Aussagen darin nicht kombiniert werden dürfen; bei vergleichender Betrachtung zweier Fragmente gilt aber dieses Prinzip nicht mehr (oder zumindest nicht mehr uneingeschränkt): hier muß man damit rechnen, daß in einem Bereich, zu dem beide Fragmente Stellung nehmen, gegenteilige Positionen produziert werden, die (auch nach neutralen Standards) beide zu akzeptieren sind.

Und daraus folgt, daß man methodologische Prinzipien braucht, die das gestatten (und auf der Metaebene eine Beschreibung der konfligierenden Fragmente ermöglichen, die selbst eine konsistente und vollständige Beschreibung ist).

3. Den Begriff der Fragmentierung hat David Lewis in seinem Aufsatz "Logic for Equivocators" eingeführt. Dort entwickelt er dieses Konzept in einem etwas anderen Kontext als ich das hier getan habe (nämlich in einem spezielleren): Lewis argumentiert gegen eine Bewegung in der Logik, die unter dem Namen "relevant logic" bekanntgeworden ist. Diese konstruiert parakonsistente Systeme, deren Besonderheit in der Handhabung der Implikation liegt (grob gesagt gibt es eine Reihe von Beschränkungen in der Verwendung der Implikation, so daß nur in "relevanten" Fällen, d.h. bei regelrechten Schlußfolgerungsbeziehungen - entailments -, tatsächlich eine Implikation vorliegen kann).

Lewis' Begriff der Fragmentierung ist deutlich spezieller ausgerichtet als in meiner Verwendung, die ihn verallgemeinert und weitgehend mit Rescher und Brandom kompatibel macht. Lewis ist kein Befürworter der hier vorgestellten Strömung, sondern eher skeptisch; in seinem Begriff der Fragmentierung (die sich strenggenommen nur auf einen Korpus von Auffassungen oder Aussagen, die ein Individuum akzeptiert, beschränkt) ist sein maximales Zugeständnis an Parakonsistenz-Theorien gefaßt. Allerdings ist der Aufsatz einer der wirkungsvollsten in diesem Zusammenhang; das liegt just daran, daß sein Begriff der Fragmentierung ein überaus nützliches Mittel zur Erläuterung parakonsistenter Systeme ist.

4. Insofern Realität im Gegensatz zu etwas bestimmt wird, das man Idealität nennen kann, spielt die Konzeption der non-standard worlds eine interessante Rolle in der Ausbildung dieses Begriffspaares.

Eine übliche Auffassung der Realität (die dann in standardgerechten Weltkonstruktionen philosophisch elaboriert wird, beispielsweise mit Hilfe des Nichtwiderspruchsprinzips) ordnet dieser Vollständigkeit und Konsistenz zu; jede Auffassung aus einem beschränkten Blickwinkel - etwa dem eines Individuums oder einer Forschergemeinschaft, Kultur usf. - ist dann unvollständig und widerspricht unter Umständen anderen Auffassungen aus demselben beschränkten Blickwinkel (insofern diese noch nicht explizit mit anderen abgestimmt oder verglichen wurden). Werden solche Auffassungen als ideal bezeichnet (insofern sie auf der Seite der Vorstellung oder "idea" von etwas Realem stehen), dann ist das Ideale als derivativ gegenüber dem Realen zu betrachten. Soweit es eine Gerichtetheit in der systematischen Erforschung der Welt gibt, verläuft diese nach dieser üblichen Auffassung vom (mehr oder minder) idealen, d.i. unvollständigen und inkonsistenten Vorgestellten und konvergiert nach und nach mit dem Realen, d.i. dann: dem Vollständigen und Konsistenten.

Eine besondere Würze an Reschers und Brandoms Konzeption liegt darin, daß mit ihr diese Bestimmungen von "real" und "ideal" exakt umgekehrt formuliert werden können [37]. "[...] standard worlds can be considered as the outcome of an ideal process of inquiry, while everything that actually occurs in the inquiry is represented by non-standard possible worlds." [38]

Mit anderen Worten: das, was wir als s-Welten betrachten, ist ein Ideal, die Wirklichkeit ist nicht-standardgerecht. Insofern ist die Konzeption einer Welt, die vollständig und konsistent ist, eine Idealvorstellung, der faktische Verlauf der Wirklichkeit ist durch Unvollständigkeiten und Inkonsistenzen gekennzeichnet [39].

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IV. Meinongianismus

Für weite Teile der analytischen Philosophie des 20. Jahrhunderts ist es ein Gemeinplatz, daß in der Ontologie nicht mit Gegenständen zu beginnen ist (abgesehen davon, daß man ohnehin nicht gerade mit der Ontologie beginnt) - "Die Welt ist die Menge aller Tatsachen, nicht der Dinge." [40] Diese Haltung wird in der analytischen Philosophie weithin akzeptiert. Umso verwunderlicher ist es allerdings, daß nun gleich eine ganze Strömung in der formalen Logik auf diese (nach Frege, Wittgenstein und Quine sollte man sagen: unreflektierte) [41] propädeutische Intuition zurückkommt.

Ich hatte oben (im Abschnitt I) zwei Hauptlinien unterschieden; diese Unterscheidung möchte ich nun mittels einer Kritik einer dieser beiden Linien ausbauen. Die bisherigen Erörterungen beschränkten sich auf Fragen der Semantik, ontologische Relevanz wollte ich aufzeigen, insofern sie mit dieser Semantik zusammenhing. Da diese Semantik nun ein mögliche-Welten-Semantik ist, spielte der Begriff des Gegenstands dabei eine eher untergeordnete Rolle. In der Hauptlinie des Meinongianismus, die ich jetzt diskutiere, ist er hingegen zentral.

1. Beinahe alle Autoren, die sich in die hier betrachtete Bewegung einordnen lassen, bekennen sich in der einen oder anderen Form zum Meinongianismus. Das gilt auch von Rescher und Brandom, die einen beträchtlichen Teil ihrer Diskussion der Herleitung formaler Mittel zur Darstellung von "inconsistent individuals" widmen [42].

Dieses Interesse an Meinong innerhalb der sprachanalytischen Philosophie mag zunächst ein wenig verirrt erscheinen. Bei näherer Betrachtung zeigt sich allerdings, daß es sehr wohl eine tiefgehende Motivation für die ernsthafte Auseinandersetzung mit dieser eigentümlichen philosophischen Position gibt. Einiges davon habe ich oben (§ I.3) schon skizziert.

Diese Motivation bleibt allerdings implizit; sie wird als solche nicht reflektiert [43]. Es ist aufschlußreich, daß die Rechtfertigung des Aufbauens der hier betrachteten Logiksysteme stets mit der Selbsteinordnung in den Kontext der Rehabilitierung (Meinongs) erfolgt. Eine eigene systematische Notwendigkeit scheint niemand zu sehen, man möchte eher einer alternativen Theorie zu neuem Glanz verhelfen, die man als zu Unrecht vernachlässigt empfindet.

Daher muß ich hier bei der Rekonstruktion dieser Motivation ebenfalls in der historischen Ursuppe dieser Alternative ansetzen.

2. Meinong geht von der Beobachtung aus, daß "man nicht urteilen, ja auch nicht vorstellen kann, ohne über etwas zu urteilen, etwas vorzustellen." [44] Er konstatiert intentionale Nichtexistenz - "[W]as Gegenstand des Erkennens sein soll, muß darum noch keineswegs existieren." [45] - und schlußfolgert daraus, "daß das Sosein eines Gegenstandes durch dessen Nichtsein sozusagen nicht mitbetroffen ist." [46] Das eröffnet die Möglichkeit, Gegenstände zu postulieren, die nicht existieren, nichtsdestotrotz aber Gegenstand des Erkennens sein können, und daß ein solches "Nichtseiendes den Gegenstand mindestens für solche Urteile abzugeben imstande sein muß, die dieses Nichtsein erfassen." [47]

Das Resultat dieser Überlegungen ist, daß der Begriff eines Gegenstandes prinzipiell geändert werden sollte. Insbesondere möge man nicht dem Vorurteil anhängen, Gegenstände wären im wesentlichen etwas, das existiert [48]. Gegenstände als solche, als Gegenstände betrachtet, sind unabhängig davon, ob sie existieren oder nicht.

Vor allem bedeutet das, daß aus der Tatsache, daß man einem Gegenstand zwei einander widersprechende Eigenschaften zuschreiben kann, nicht eine Aussage über die Existenz dieses Gegenstandes geschlußfolgert werden kann (denn die Existenz, das Sein, ist ja unabhängig vom Sosein). Hier wird, könnte man reformulieren, dem Widerspruch zwischen zwei eigenschafts-zuschreibenden Aussagen eine Bedeutung zugemessen, die so nicht gegeben ist. Da mag es einen Widerspruch geben, daraus läßt sich aber nicht (logisch) eine Existenz-Aussage folgern [49].

3. Es dürfte deutlich werden, daß hier ein Vorteil für die Art parakonsistenter Logiksysteme liegt, die ich beschrieben habe. Eine Meinongsche Ontologie ist problematisch, wenn sie in einer Sprache formuliert ist, deren Existenzaussagen durch Konstatierung eines Widerspruchs zwischen zwei (jeweils wahren) Prädikationen ausgehebelt werden können. (Beispielsweise) Reschers und Brandoms "Logic of Inconsistency" bietet demgegenüber eine präzise formale Sprache, in der eine Ontologie formuliert werden kann, deren Objekte durchaus "Meinongianische" (etwa vom Typ eines runden Vierecks) sein können.

Ich hatte weiter oben (§ I.3) drei Basiskonzeptionen erwähnt, die untereinander inkompatibel sind: physikalistische Ontologie, Referenztheorie und die Akzeptanz des Phänomens der intentionalen Nichtexistenz. Ich hatte Meinogianismus als die Position gekennzeichnet, die die erste dieser Prämissen verwirft und eine erweiterte Ontologie propagiert. Seltsamerweise richten sich die neo-Meinongianer (verbal) allerdings gegen die Referenztheorie als das zu verwerfende Paradigma. Es beruht ihnen zufolge auf einem Vorurteil. (Das ist eine Analogie zu Meinongs Vorurteilsrhetorik, die nur polemisch und ebensowenig mit sachlichen Einwänden gestützt ist.)

Statt sich darauf zu beschränken, eine geeignetere Sprache für eine erweiterte Ontologie zur Verfügung stellen zu wollen, wie es Rescher und Brandom tun, versuchen radikalere Meinongianer wie etwa Routley, aus der Anwendbarkeit dieser (für dieses spezielle Unternehmen tatsächlich besser geeigneten) Logik auf die Wahrheit der in ihr formulierbaren Ontologie zu schließen. Ihrer Meinung nach bringt die (durch ihre formale Arbeit geschaffene) Möglichkeit einer Formulierung schon starke Evidenz für die Wahrscheinlichkeit des Zutreffens der formulierbaren ontologischen Theoreme mit sich [50].

4. Bemerkenswerterweise scheinen die Sympathien zumindest Brandoms für die Logik der Inkonsistenz und speziell für Meinong nicht sehr weittragend gewesen zu sein. In seinem umfangreichen Werk Making It Explicit und auch in späteren Publikationen kommt die Sprache nicht mehr auf die Widersprüche, die die Wirklichkeit enthalten soll, und Meinong selbst wird in einer kurzen Bemerkung als ein fehlgeleiteter Zweig einer repräsentationalistischen Referenzkonzeption verächtlich abgefertigt [51].

Interessant ist, daß diese Abwendung Brandoms vom Meinongianismus zeitlich (nicht inhaltlich) mit seiner expliziten Zuwendung zu Hegel einhergeht. Ich hatte weiter oben (§ I.1) zu zeigen versucht, wie eine Beschäftigung mit Hegels Philosophie eine ernsthafte Erörterung der These, daß die Welt selbst (in einem bestimmten Sinn) Widersprüche enthält, motiviert. Brandom kam aus einer anderen Richtung auf die Inkonsistenz als aus der Hegel-Beschäftigung, nun (nach der Zuwendung zu Hegel) erfolgt Abwendung zumindest der Meinongianischen Ausprägung der Inkonsistenz-Philosopheme [52].

5. Eines der wichtigsten Argumente von seiten der Verteidiger der Inkonsistenztheorien ist nach wie vor, daß der Vorwurf, logische Gesetze zu verletzen, nicht sticht [53]. Aber das schafft nur eine Pattsituation: Das Totschlagargument der einen Seite wird abgefangen, allerdings ist das natürlich noch kein wirkliches Argument für die andere Seite.

Auf der Liste ihrer positiven Leistungen haben die Meinongianer außerdem einige Phänomene, die zu erklären sie einzig den "noneistischen" Abkömmlingen der Gegenstandstheorie zugestehen; im wesentlichen sind das Nicht-Existenz von Objekten und Intensionalität [54].

Aber die Nicht-Existenz von Objekten ist etwas, das die Gegenstandstheorie selbst erst postuliert (andere Positionen würden eben nicht von Objekten sprechen, sondern nur davon, daß sich bestimmte sprachliche Ausdrücke so verhalten, als ob sie auf ein Objekt referierten, was sie tatsächlich dann aber nicht tun). Sie kann also anderen Theorien nicht vorwerfen, diese nicht erklären zu können. Und was die Intension von sprachlichen Ausdrücken betrifft, so ist es zwar sicherlich nötig, bestimmte Unterscheidungen zu machen (die sich dann in Modellen wie den möglichen Welten der Kripke- oder Montague-Semantik darstellen lassen). Es ist aber nicht ersichtlich, aus welchen Gründen die Meinongianer diese Unterscheidungen in die Ontologie verlagern wollen (was einer Hypostasierung gleichkommt).

Im übrigen setzte sich einer der Klassiker der philosophischen Erörterung intensionaler sprachlichen Phänomene, Rudolf Carnap, bereits 1947 mit dem noneistischen Vorschlag auseinander: "Russell's main reason for the rejection [of Meinong's theory] is that the impossible objects violate the principle of contradiction; [...] I have no doubt that a resourceful logician could easily construct a consistent language system of this [Meinongian] kind, if he wanted it; [...] The decisive question is not that of the technical possibility of such a language but rather that of its usefulness." [55]

Dabei geht es nicht um die Frage, ob es Kontexte gibt, in denen solche sprachlichen Konstrukte (und de facto sind die Bemühungen der Meinongianer eben darauf ausgerichtet, ein derartiges System nach dem anderen zu entwerfen) zur Anwendung kommen könnten. Daß es durchaus solche Kontexte gibt, habe ich in Abschnitt I aufzuzeigen versucht (alle Themenfelder, die sich mit der Intentionalität sprachlicher Ausdrücke befassen, sind gute Kandidaten dafür). Es ist allerdings fraglich, ob nicht andere, herkömmliche und handlichere formale Mittel dieselbe Rolle spielen können wie eine solche Sprache (Carnap selbst hat solche sprachlichen Mittel in Meaning and Necessity entwickelt) - und somit in den genannten Kontexten alle geforderte Arbeit verrichten können (oder gegebenenfalls in der gleichen Weise scheitern) wie die Alternativen.

Nochmals Carnap: "I do not think that the concepts of possible and impossible objects [...] can be accused of violating logic or leading necessarily to contradictions. However, it seems doubtful whether these conceps are sufficiently useful to compensate for their disadvantage - the necessity of using an uncustomary and more complex language structure." [56]

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Zusammenfassung

Rescher und Brandom fassen ihr wichtigstes Ergebnis in der Maxime zusammen: "The toleration of inconsistencies within the sphere of rational systematization is not only permissible, but in suitable circumstances it may be advantageous and perhaps even unavoidable." [57] und gelangen damit zum selben Schluß wie ihr Vorgänger Wittgenstein, der prophezeiht hatte: "I predict a time when there will be mathematical investigations of calculi containing contradictions, and people will actually be proud of having themselves from consistency." [58]

Allerdings ist die Art dieser Emanzipation auf unterschiedliche Weise denkbar:

Die Wittgensteinianische Linie entstand im Kontext der Reflexion der Verwendung sprachlicher Ausdrücke (und zwar in den Bereichen, in denen Konsistenz eine Rolle spielt, und das sind Logik, Mathematik und Methodenreflexion); dabei wurden bestimmte Verwendungsweisen im Hinblick auf ihren Stellenwert betrachtet und kritisiert.

Der Meinongianismus beruht auf einer propädeutischen Intuition, nämlich der Notwendigkeit, nichtexistente Objekte in einer Ontologie zum Tragen kommen zu lassen. Diese Notwendigkeit wird allerdings auch in der sprachphilosophisch orientierten neo-Meinongianischen Konzeption des 20. Jahrhunderts nicht überzeugender motiviert als bei Meinong selbst.

Philosophische Relevanz, vor allem bezüglich der Frage der Beziehung zwischen neuester analytischer Epistemologie und Hegelschen Konzepten, die ich in der Einleitung als meinen Ausgangspunkt zu diesem inkonsistenz-theoretischen Exkurs bestimmt hatte, wird also wohl eher in den Wittgensteinianischen Elementen dieser Diskussion zu suchen sein.

Neben der generellen Diagnose einer veränderten Einstellung zum Konsistenzkriterium liegt derartige Relevanz sicherlich in der logischen Möglichkeit der Beschreibung der Realität als einer solchen, die einander widersprechende Welt-"Bilder" in sich faßt; daraus folgt eine neuartige Möglichkeit der theoretischen Beschreibung von Prozessen der Gewinnung neuer Konzeptionen aus alten, in denen die neuen nicht schon enthalten sein müssen; überhaupt wird die Logik von Forschungsprozessen aus einer interessanten, alternativen Perspektive beschreibbar. Dabei spielt die Neubestimmung des Möglichen Verhältnisses des Begriffspaares Realität vs. Idealität eine besondere Rolle.

In diesem Sinne handelt es sich um einen Ausbau der Wittgensteinschen Haltung zu einer philosophischen Theorie.

Es ist ein weiteres Verdienst Reschers und Brandoms, eine semantische Ausformulierung bisher eher syntaktisch konstruierter parakonsistenter Systeme (die in der Informationsverarbeitung praktisch durchaus schon eine wichtige Rolle spielen) gegeben zu haben, die aber nicht ausschließlich gegenstandsorientiert ist, wie etwa der Meinongianismus.

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Literatur

Im Text verwendete Siglen werden in eckigen Klammern vermerkt. Bei Monographien beziehen sich die mit Seitenzahlen angegebenen Stellen auf thematisch relevante Abschnitte oder Kapitel.



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[1]

Im folgenden mit LI abgekürzt; für vollständige Nachweise s. Literaturverzeichnis.

Dem Vorwort von The Logic of Inconsistency ist zu entnehmen, daß der erste Teil des Buches von Rescher, der zweite von Brandom geschrieben wurde. Ich werde daher gelegentlich Rescher oder Brandom allein als Autoren einzelner Stellen zitieren.

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[2]

Solomon, In the Spirit of Hegel, 192.

Die These wird aus der folgenden Überlegung hergeleitet: "[...] what Hegel has in mind [...] is not so much a view of reality [...] as a view about views. [...] what 'absolute knowledge' amounts to is the view that reality can be comprehended only through the totality of viewpoints. But [...] some viewpoints inevitably are going to be mutually contradictory, which means that even though they are recognized as equally legitimate views of reality, [...] they cannot be made compatible." (Ebd.)

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[3]

Solomon stellt fest, daß (dieser Überlegung zufolge), "since people can and do conceive of the world in radically different ways, it would seem to follow either that reality itself is contradictory or that there are different realities." (Ebd.)

Hier wird also die These, daß die Welt selbst widersprüchlich sei, nicht als zwingend vorgestellt, sondern als ein Horn eines Dilemmas, dessen anderes Horn die Auffassung ist, es gäbe unterschiedliche Realitäten.

In logischer Hinsicht mögen diese beiden Formulierungen der These gleichwertig scheinen, allerdings ist die Realitäten-pluralistische Variante ungleich problembehafteter - erstens handelt es sich hierbei um eine Verwechslung von Objekt- und Meta-Ebene, wenn einerseits mit "Realität" das gemeint ist, was nur durch die Gesamtheit der diversen Blickwinkel erfaßt werden kann, andererseits aber "Realitäten" das sein sollen, was die partikularen Blickwinkel als jeweilige Wirklichkeit hervorbringen. Zweitens liegt ihr ein relativ naives Modell von Wissen zugrunde, nämlich ein Gegenüberstehen von einerseits der Realität und andererseits Auffassung von ihr. (Dann folgert man aus der Pluralität von Auffassungen für die andere Seite dieser Gegenüberstellung eine ebensolche Pluralität.) Ein drittes Problem mit dieser Formulierung kann ich hier nur grob skizzieren: Indem man von einer Pluralität von Realitäten (oder in ähnlicher Weise: von Welten) spricht, ist man gezwungen, diese als in sich geschlossene Gebilde zu konzipieren, die auch als eine einzeln dastehende Realität (oder Welt) vollständig wären. Mit anderen Worten: Es müssen ganze Welten sein; sie werden nun allerdings nicht in jeder Hinsicht radikal voneinander verschieden sein, somit wird es Ähnlichkeiten oder Überlappungen dieser Realitäten untereinander geben. Die Unterschiedlichkeit kann nicht vollständig sein, wenn sie aber nur partial ist, dann sprechen gewichtige Gründe dagegen, hier von "ganzen" Realitäten (oder Welten) zu sprechen. Es ist also a) unklar, wie stark der Kontrast sein muß, um von anderen Realitäten (nicht bloß von unterschiedlichen Aspekten ein und derselben Realität) sprechen zu können, vor allem aber wird b) die (immerhin nicht ganz von der Hand zu weisende) alternative Betrachtungsmöglichkeit ignoriert, daß Kontraste, Paradoxien oder Widersprüche immer nur lokal, üblicherweise nicht global (d.i. in jeder möglichen Hinsicht des Zusammentreffens zweier Systeme) auftreten. Die Entscheidung für den Realitäten-Pluralismus fällt ja im Kontext, namentlich fällt sie gegen das andere Horn, die Auffassung, daß die Welt Widersprüche enthält (diese Art Pluralismus wird oft so hergeleitet, daß man die Existenz vieler Welten anerkennen müsse, um nicht zur Konstatierung von Widersprüchen in der Realität selbst gezwungen zu sein).

(Ich verweise hierzu auf die Diskussion derartiger Fragen der wechselseitigen Inkompatibilität sprachlicher - und damit a fortiori auch logischer - Systeme in Donald Davidson, "On the Very Idea of a Conceptual Scheme".)

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[4]

Ludwig Wittgenstein, Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik, 213 [III, 82].

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[5]

Ebd., 209 [III, 80].

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[6]

Ebd., 218 [III, 85].

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[7]

Ebd., 375 [VII, 15].

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[8]

Hier eine Anmerkung zum Begriff der Toleranz, wie ich ihn verwende. Die Empfehlung von mehr Toleranz im Umgang mit Widersprüchen ist nicht ethisch oder moralisch gemeint, etwa so, daß man Widersprüche anerkennen, sich auf sie einlassen usf. sollte, wie man das im Umgang mit Menschen oder Tieren tun soll. Das wäre ein krasser Kategorienfehler - Widersprüche sind keine Subjekte. Die Toleranz bezieht sich hier immer auf das ganze (logische oder sprachliche) System. Das bedeutet also, daß nicht die Widersprüche toleriert werden, sondern es werden nun zusätzlich zu den widerspruchsfreien Systemen auch solche akzeptiert, die Widersprüche enthalten. Hier besteht ein wesentlicher Unterschied zu einem emphatischen Begrüßen und "Akzeptieren" von Widersprüchen selbst (als solchen). Das halte ich für (nach wie vor) verfehlt. Logik ist nicht Politik, "tolerantere" Logik hat mit political correctness nichts zu tun, und es ist die Differenz zwischen zwei durchaus verschiedenen Verwendungen des Begriffs der Toleranz, auf der ich hier insistieren möchte.

Eine vielleicht hilfreiche Analogie: In der Informatik spricht man von fehlertolerierenden (Rechner-)Systemen. Dabei meint man natürlich nicht, daß man Fehler als solche anerkennen und ihnen gewissermaßen ein "Bürgerrecht" einräumen sollte. Das Gefährliche ist vielmehr genau dieser Sprachgebrauch. Es geht hier eben nicht um Anerkennungskontexte. Man überzieht damit ein Sprachspiel mit sprachlichen Geltungsansprüchen, die nicht hineingehören. Warum sollte man Fehler (oder Widersprüche) anerkennen? Gemeint ist also ein Tolerieren nicht in dem Sinne, in dem man den Fehlern ein Existenzrecht zugesteht, sondern in dem Sinne, in dem man beim Auftreten eines Fehlers nicht sofort einen Systemabsturz erlebt, sondern beispielsweise ein Notmechanismus in Gang gesetzt wird.

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[9]

Ich habe freilich nur eine Grobskizze gegeben; Wittgensteins Texte sind argumentativ dicht, behandeln eine Vielzahl von Aspekten, es kommen (außer dem von mir herausgehobenen) noch andere Gedankenstränge vor, und selbstverständlich ist Wittgensteins Position sehr differenziert (und nicht eindeutig dargestellt, also interpretationsbedürftig).

Rescher und Brandom bekennen sich in The Logic of Inconsistency nicht nur verbal zu Wittgenstein als philosophischen Ahnherren, sondern das Projekt als solches ist durchaus im Geiste der von mir zitierten Passagen aus Wittgensteins Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik durchgeführt. Rescher und Brandom selbst nennen als einen Hauptaspekt ihres Unternehmens die Befreiung vom "orthodox view of inconsistency as an absolute and total epistemic disaster that immediately blocks all further prospect of rational dealing. [...] Inconsistency has [...] been removed from its status as an object of an odium metaphysicum, signalled by the assignment to it of an infinite cognitive disutility which makes inconsistency strictly incomparable to any of the other parameters we use to control our epistemic undertakings." (LI, 136f.)

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[10]

Rescher und Brandom, The Logic of Inconsistency, 60.
Hier (168) sowie in der von Josef M. Werle herausgegebenen Ausgabe von Meinong, Über Gegenstandstheorie, auf XIV-XXI und XXX-XXXVI, finden sich umfangreiche Literaturangaben.

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[11]

Ich werde diese Haltung später (§ IV.5) noch begründen.

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[12]

Beispielsweise so: "[A]lthough I don't know what Meinong meant, if I had said what I know him to have said, I would have meant the following." (Terence Parsons, "A Prolegomenon to Meinongian Semantics", 561.)

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[13]

Das sind nicht nur "unmögliche" Ausdrücke wie "rundes Viereck" oder "die größte aller natürlichen Zahlen", sondern auch leere Beschreibungen wie "der gegenwärtige König von Frankreich", Namen für fiktionale Objekte, oder Beschreibungen von halluzinatorischen Sinneseindrücken.

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[14]

Ludwig Wittgenstein, Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik, 219 [III.87].

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[15]

Es gibt Nebenschauplätze, auf denen ebenfalls erhebliche Anstrengungen unternommen wurden, eine Sorte von philosophischen Konzepten zu entwickeln, die in der Lage sind, Widersprüchlichkeit in der Welt gerechtfertigterweise zu postulieren (und zu handhaben); beispielsweise innerhalb marxistisch-dialektischer Konzeptionen, in der Philosophie der Quantentheorie, oder in der Analyse paradoxer textualer Strukturen (vgl. dazu im besonderen Note 16).

Ich gehe hier auf diese Diskussionsfelder nicht ein.

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[16]

Es ist wichtig, hier anzumerken, daß eine m-Welt ein Modell für eine Logik ist; das bedeutet insbesondere, daß sie ein Modell nur für einen Teil von Sprachen ist. Mögliche Welten sind für semantische Zwecke nur brauchbar, solange es um Wahrheitswerte von wahrheitswertfähigen Sätzen geht. Man kann also ein Ereignis in einer solchen Welt beschreiben, beispielsweise ein Ja-Wort, man kann einen Satz Welt-relativ evaluieren, nicht aber eine sprachliche Handlung in dieser Welt begehen. Ja-Wörter kann man nur in der wirklichen Welt geben.

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[17]

Als Beispiel dient hier zwar eine rein deskriptive Aussage; kontrafaktische sprachliche Strukturen spielen allerdings in den natürlichen Sprachen eine eminente Rolle, ihr Vorkommen ist nicht auf derartige Möglichkeitsaussagen beschränkt; der Satz könnte auch lauten "Ich hätte mir gewünscht (ich hatte gemeint, habe gehört) einige Äpfel wären bereits rot gewesen."

Modelle, die eine Handhabe zur Analyse kontrafaktischer sprachlicher Strukturen bieten, sind also ein wichtiger Bestandteil jeder Sprachphilosophie. Mögliche Welten haben sich in der analytischen Philosophie als Typus solcher Modelle durchgesetzt (nicht zuletzt wegen ihrer Anschaulichkeit).

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[18]

"Maybe [...] the world is a big physical object; or maybe some parts of it are entelechies or spirits or auras or deities or other things unknown to physics. But nothing is so alien in kind as not to be part of our world, provided only that it does exist at some distance and direction from here, or at some time before or after or simultaneous with now." (David Lewis, On the Plurality of Worlds, 1.)

Es bleibt natürlich anzumerken, daß das von Lewis verwendete Kriterium (das Bestehen raumzeitlicher und kausaler Relationen) für die Zuordnung zu einer Welt selbst ein zutiefst physikalistisches Kriterium ist, ungeachtet der Bemühung Lewis', seine Auffassung in diesem Punkt ontologisch neutral zu halten. Es handelt sich um eine partitionierte physikalistische Ontologie, möglicherweise die einzige Art von Ontologie, in der sich eine so konsequente Konzeption von m-Welten wie die von Lewis durchführen läßt. Ich halte physikalistische Ontologien (und damit diesen Begriff von m-Welten) für fragwürdig; erste Schwierigkeiten treten schon bei der Frage auf, wie es etwa mit fiktionalen "Welten" steht, z.B. der Welt, wie sie in einem Roman beschrieben oder auf die in einem Gemälde geblickt wird. Offensichtlich gibt es hier tiefliegende Ähnlichkeiten zu der Art "Welt", wie sie mit kontrafaktischen Sätzen beschrieben wird.

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[19]

"This prospect seems especially plausible in a framework of emergent properties within a situation of temporal development which produces a succession of different 'worlds' (or world-states) [...]. This perspective is posed by the sort of evolutionism from simple to more complex worlds or world-states envisaged by Herbert Spencer or C.S. Peirce in the latter part of the 19th century." (LI, 5)

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[20]

Vgl. Note 20.

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[21]

Ab sofort werde ich "non-s", "s" sowie gelegentlich "p-world" bzw. "m-Welt" als Abkürzungen für "non-standard", "standard" und "possible world" bzw. "mögliche Welt" benutzen.

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[22]

Dies ist nicht trivial, denn es geht nach wie vor ausschließlich um wahrheitswertfähige Aussagen (nicht etwa um sprachliche Äußerungen eines Typs, dem man üblicherweise keine Wahrheitswerte zuspricht).

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[23]

Selbstverständlich muß das nicht für alle Aussagen gelten. Inkonsistent ist eine Welt schon mit einer einzigen Aussage, die gemeinsam mit ihrer Negation in dieser Welt wahr ist.

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[24]

Dazu muß ein formales System aufgestellt werden, das solche Schlußfolgerungen nicht erlaubt; Rescher und Brandom geben ein solches System samt zugehöriger Schlußfolgerungs- und semantischer Regeln an.

Das erfordert eine Bemerkung zur Terminologie und einen prinzipiellen Hinweis:

Die Eigenschaft formaler Systeme, daß aus einer inkonsistenten Prämissenmenge eine determinierte Menge von Konklusionen ableitbar ist (und nicht etwa beliebige Konklusionen), nennt man Parakonsistenz.

Das wird üblicherweise nicht dadurch erreicht, daß man dem System einfach eine Regel hinzufügt, die diese Schlußfolgerung verbietet. So etwas wäre möglich; aber das wäre eine Metaregel, die im System selbst (normalerweise) nicht formulierbar wäre. Parakonsistente Systeme werden konstruiert, indem die Axiome und Schlußregeln des Systems selbst so angelegt sind, daß eine Schlußfolgerung einer beliebigen Konklusion aus einer inkonsistenten Prämissenmenge nicht möglich ist.

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[25]

Rescher und Brandom merken an, daß "[t]he combination of these cases can of course also arise" (Li, 3).

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[26]

Zumindest in (didaktisch) erster Instanz. Mit entsprechendem Mehraufwand lassen sich beliebige Übergangssituationen konstruieren, in denen die Ausgangsmenge aus beliebig vielen s- oder non-s-Welten (oder einer Mischung daraus) besteht und die Resultatmenge ebenso. Selbstverständlich kann der Übergang ebenso in entgegengesetzter Richtung vollzogen werden. Brandom entwickelt hierzu einen beeindruckenden formalen Apparat, auf den ich jedoch nicht weiter eingehen werde.

Der entscheidende Schritt in dieser semantischen Technik, den man "schlucken" muß, ist natürlich das Akzeptieren einer solchen "Welten-Überlagerung". Eine zumindest vorläufige Rechtfertigung ist freilich, daß Rescher und Brandom von vornherein Situationen im Blick haben, in denen "Weltzustände" (oder in analoger Weise Weltbilder) sich im zeitlichen Verlauf ändern (vgl. § 2). Daher ist die Einführung eines solchen dynamischen Elements durchaus motiviert.

Es besteht hier auch eine Oberflächenähnlichkeit zu Nelson Goodmans Begriff des "worldmaking". Da Goodman allerdings nur sehr neblige Konstruktionsprinzipien für seine Welterzeugung angibt, läßt sich diese anfängliche Ähnlichkeit nicht weiterhin verfolgen.

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[27]

Einige der Details erläutere ich in § IV, 3.

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[28]

"[O]ur perspective is that the non-standardness at issue is to be ontological - that it characterizes the world itself, rather than reflecting a merely epistemic concern with our knowledge, information, or belief about this world." (Rescher und Brandom, The Logic of Inconsistency, 5.)

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[29]

Bemerkenswert ist, daß schon beim Pionier dieser Relativierung, bei Wittgenstein, sofort der Kernbereich im Selbstverständnis zumindest einer Reihe von Wissenschaften ins Visier genommen wird: die Mathematik.

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[30]

LI, 137.

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[31]

LI, 139.

[Zurück]

[32]

Zumindest so weit scheint mir die Rescher-Brandom-Konzeption auch mit der Argumentation des Aristoteles für das Widerspruchsprinzip vereinbar (vgl. Met. IV 3-4). Niemand kann ernsthaft eine inkonsistente Aussage behaupten, auch nicht mit Hilfe einer parakonsistenten Logik. Inwiefern die weitergehende Frage zu bejahen wäre, ob einzelne (untereinander inkonsistente, nicht aber zu selbstwidersprüchlichen Konjunktionen zusammengefaßte) Aussagen Aristoteles zufolge ebenfalls schon eine Verletzung eines gültigen Prinzips darstellen, kann ich hier nicht erörtern.

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[33]

In der linguistisch orientierten analytischen Philosophie ist es weithin üblich, von Fragmenten im Sinne von eigenständigen Teilen sprachlicher Gebilde zu sprechen. Die Assoziation des Bruchstückhaften, Zerstörten mit den daran hängenden negativen Konnotationen sind hier normalerweise nicht impliziert.

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[34]

Vgl. hierzu LI, 100f.

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[35]

Ein ähnlicher Apparat stellt auch das Herzstück von Brandoms neueren Werk Making it Explicit dar, in dem Davidsonianische Zuschreibungen eine eminente Bedeutung haben. Ich muß es allerdings hier bei diesem Hinweis belassen, da ein Verfolgen der Analogien und Unterschiede viel zu weit führen würde.

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[36]

Vgl. das Zitat von Solomon in § I, 1, Note 3.

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[37]

Dies ist ein Korollar des Haupttheorems, das auf der technischen Ebene besagt, daß non-s-Welten nicht etwa (so, wie sie eingeführt werden) reine Konstrukte aus s-Welten sein müssen, sondern daß sie ebenso auch als das Material verstanden werden können, aus dem standard-p-worlds konstruiert sind.

Die rein formale Darstellung möglicher Welten zeigt keinen logischen Vorrang einer Theorie konsistenter Welten vor einer Theorie inkonsistenter Welten (und ebensowenig einen Vorrang der Darstellung vollständiger gegenüber der Darstellung schematischer Welten). Es gibt kein satisfaktionsfähiges Argument für die Behauptung, aus logischen Gründen müßten Theorien konsistente und vollständige Wirklichkeiten beschreiben.

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[38]

LI, 99.

[Zurück]

[39]

Ich weise hier noch einmal darauf hin, daß ich eine informelle Darstellung gebe. Rescher und Brandom legen eine vollständige, präzise Logik und Semantik vor, einschließlich Objektindividuation, Quantifikation, Identität usf. - eine Logik des Forschungsprozesses, wie sie herkömmlicherweise mit Hilfe von s-Welten gegeben werden kann, läßt sich also nun ebenso für non-s-Welten formulieren, und zwar ohne Einbuße an formaler Bestimmtheit.

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[40]

Ludwig Wittgenstein, Tractatus Logico-Philosophicus, 11 [1.1].

[Zurück]

[41]

Vgl. etwa mit Freges sogenanntem "Kontextprinzip" oder Quines "analytical hypotheses"; Wittgensteins apodiktische Stellungnahme aus dem Tractatus Logico-Philosophicus habe ich oben schon zitiert.

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[42]

Brandom nennt diese Abeit ausdrücklich "an endeavor to forge a possible-worlds semantics that can accomodate a Meinongian theory of objects" (LI, 136).

Allerdings ist diese Gegenstandstheorie schon ein Derivat aus der eigentlichen (m-Welten-) Ontologie, nicht etwa ein Ausgangspunkt.

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[43]

Lediglich Brandom kommt (sehr viel später) in Making it Explicit zu einer expliziten Aufarbeitung der Zusammenhänge zwischen Inkonsistenz und Intentionalität. Das geht dann allerdings auch mit einer Neubewertung des Meinongianismus einher; vgl. hierzu § 4.

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[44]

Alexius Meinong, Über Gegenstandstheorie, 1 (Hervorhebungen von mir).

NB: Schon dieser Sprachgebrauch legt eine Analogie, oder besser: eine Reduzierung des "über etwas" (eine Eigenschaft des Urteilens) auf das "etwas", das Gegenstand des Vorstellen ist, nahe.

[Zurück]

[45]

Ebd., 7.

[Zurück]

[46]

Ebd., 8.

[Zurück]

[47]

Ebd.

Ein außerordentlich beliebtes Beispiel ist Meinongs "rundes Viereck" (ebd.), von dem man zumindest sagen kann, daß es dergleichen nicht gibt, und es somit zum Gegenstand wenigstens dieses einen Urteils machen kann.

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[48]

Meinong überschreibt gleich einen ganzen Paragraphen seiner Programmschrift Über Gegenstandstheorie mit "Das Vorurteil zugunsten des Wirklichen" (vgl. Über Gegenstandstheorie, 3).

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[49]

Ich kann hier (aus Mangel an Gelegenheit zur Erörterung) nur auf die Diskussion ganz ähnlich gelagerter Fragen bei Kant [KrV A 596/B 624ff.] und Hegel (z.B. WdL, 51-53) hinweisen: es handelt sich um das berühmte einhundert-Taler-Beispiel Kants (und die Relevanz dieses Themas geht bekanntlich bis zur Diskussion des ontologischen Gottesbeweises usf.).

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[50]

An meiner Art, dies herauszuarbeiten, ist wohl abzulesen, daß ich diese Schlußfolgerung für verfehlt halte. Sie wird natürlich so nicht formuliert; eher wird sie durch das Lamento gegen die philosophische Gegenposition verschleiert (vgl. Routley, Exploring Meinong's Jungle and Beyond, v).

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[51]

Robert Brandom, Making It Explicit, 71.

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[52]

Um mich nicht allzusehr in historischen Assoziationen verlieren, habe ich Gottlob Frege bisher unerwähnt gelassen. Es sollte aber klar sein, daß seine berühmte Unterscheidung zwischen "Sinn" und "Bedeutung" sprachlicher Ausdrücke Meinongs begriffliche Verwischungen unmöglich machen (oder zumindest stark erschweren). Brandoms Abwendung geschieht in Making it Explicit nicht ganz zufällig im Rahmen der Explikation von Gedanken, die (wie Brandom auch offen herausstellt), in vieler Hinsicht Freges Leistungen auf dem Gebiet der Semantik geschuldet sind (in The Logic of Inconsistency verwirft Brandom noch explizit eine Fregesche Forderung, um Meinongsche "Quasi-Objekte" beschreiben zu können - vgl. LI, 89). Ähnliches gilt für Carnap, auf den ich jetzt zu sprechen komme (§ 5).

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[53]

Auch die Bemühungen Brandoms im zweiten Teil von The Logic of Inconsistency sind zu einem großen Teil dem Unternehmen gewidmet, die logische Gleichrangigkeit der "nonstandardness" zur "standardness" zu beweisen.

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[54]

"[T]he central problem is that of explaining the truth of nonreferential statements (of intensional statements and of statements apparently about nonentities), [...] the problematic statements present important data that any adequate theory of language, truth, and meaning must give a satisfactory explanation of. No referential theory succeeds in accounting for this data." (Richard Routley, Exploring Meinong's Jungle and Beyond, iv - "Referential theory" ist Routleys Sammelbezeichnung für alle nicht-noneistischen Theorien.)

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[55]

Rudolf Carnap, Meaning and Necessity, 65f.

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[56]

Ebd., 68.

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[57]

LI, 137.

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[58]

Die Motto-Passage von LI; vgl. LI, x.

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Document update 3 May 2001