Leif Frenzel

Mozarts frühe Umarbeitungen von Sonaten zu Klavierkonzerten



Einleitung

1. Die "Pasticcio"-Konzerte KV 37 und 39-41

2. Die Konzerte KV 107

3. Die Ausgangssituation: Konzerte aus Sonaten

4. Beispielanalyse: KV 107,1

Zusammenfassung

Literaturnachweis

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Einleitung

Mozarts Konzerte für Klavier und Orchester haben der Entwicklung dieses Genres nicht einfach nur einen enscheidenden Entwicklungsschub verliehen, sondern sie haben es sozusagen mit einem Schlag getan. Man hat oft bemerkt, daß das erste eigene Mozartsche Klavierkonzert (KV 175) bereits alle wesentlichen Merkmale dieser Gattung, wie sie von Mozart auf das nachdrücklichste beinflußt wurde, in mehr oder minder ausgeprägtem Maße aufweist: "Mit dem Konzert in D-Dur, KV 175, ist die Struktur des 'modernen' Klavierkonzertes grundsätzlich etabliert."[1] Gelegentlich benutzt man das Bild von der Göttin Athene, die in schon vollständiger Rüstung dem Haupt des Zeus entsteigt.[2] (Man könnte das - wenn diese etwas feuilletonistische Parallelisierung erlaubt ist - so formulieren, daß die Merkmale des modernen Klavierkonzerts in KV 175 sofort "im Tutti" einsetzen, wie es in dieser Gattung üblich ist.)

Wenn sich die Genese dieser Merkmale nicht primär innerhalb der aus eigenem Material komponierten Klavierkonzerte Mozarts selbst abspielt, dann gilt es, Anhaltspunkte in der Zeit davor zu suchen.[3] Hier gibt es im wesentlichen zwei Gruppen von Konzerten, in denen der Komponist die Anfertigung solcher Werke erprobt hat: die Konzerte KV 37 und 39-41 sowie die drei Konzerte KV 107. Es handelt sich hier in sämtlichen Fällen um Bearbeitungen von Kompositionen anderer Komponisten, die auch keine Klavierkonzerte, sondern Klaviersonaten darstellen.

Diese beiden Werkgruppen sind das Thema meines Aufsatzes. Zunächst werden die Gruppe der Konzerte KV 37, 39-41 (im 1. Abschnitt) sowie KV 107 (im 2. Abschnitt) als ganze in den Blick genommen und in den Zusammenhang der kompositorischen Entwicklung Mozarts gestellt. Den bis zu diesem Punkt hin eher historischen Teilen folgt eine systematische Erörterung des Problems, vor das Mozart im Zuge der Ausarbeitung der behandelten Konzerte gestellt war: des Problems der Umarbeitung eines Sonatensatzes zu einem Konzertsatz (bzw. der Umarbeitung einer ganzen Sonate zu einem Konzert), also der Synthese der formalen Prinzipien zweier unterschiedlicher Gattungen der Instrumentalmusik. Einer allgemeinen Exposition dieser Fragestellung (3. Abschnitt) folgt dann eine detaillierte Analyse des ersten der Konzerte KV 107, die das Kernstück meines Aufsatzes bildet. Hier soll an einem konkreten Beispiel untersucht werden, in welcher Weise Mozarts Bearbeitung erfolgte und was der spezifische Beitrag dieser Umarbeitungen zur Konstitution der oben als "modernes" (und das bedeutet auch: wesentlich von Mozart geprägtes) Klavierkonzert bezeichneten Gattung ist.

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1. Die "Pasticcio"-Konzerte KV 37 und 39-41

1. Bevor Mozart eigene Klavierkonzerte komponierte, erstellte er eine Reihe von Konzerten, deren Sätze Bearbeitungen einzelner Sonatensätze darstellen.[4] Diese stammen von Hermann Raupach, Leontzi Honauer, Jean Schobert, Johann Gottfried Eckart und C.P.E. Bach, also von Komponisten des damals verbreiteten "empfindsamen Stils".[5] Sie entstanden im Frühling und Sommer 1767 (also nach der Rückkehr von der ersten langen Konzertreise durch Europa) in Salzburg.

2. Dabei handelt es sich durchweg nicht um Bearbeitungen vollständiger Sonaten, sondern um Zusammenstellungen bearbeiteter Klaviersonaten-Sätze (sowohl in verkürzter Sonatenform als auch in vollständiger Sonaten-Allegro-Form), die mit Tutti-Passagen (größtenteils aus dem Material der Sonate gebaut) eingeleitet und beendet werden und im Verlauf des Satzes weitere Tutti-Teile an harmonisch signifikanten Stellen bringen. Außerhalb der Tutti-Passagen hat das Orchester lediglich eine untergeordnete Begleitfunktion. Hinzu kommt, durch die verhältnismäßige Kürze der hinzugefügten Tutti, eine Verlagerung der musikalischen Bedeutung auf die Solopartien.[6]

3. Offenbar sind diese Stücke als reine (von Leopold Mozart angeregte) Übungsstücke zu betrachten. Zumindest herrscht diese Auffassung in der Literatur vor.[7]

Allerdings könnte diese Bezeichnung zu einem Mißverständnis führen: dieser Ausdruck mag suggerieren, daß wir es hier mit bloßen Schülerarbeiten zu tun haben, die in der "eigentlichen" Musikpraxis keine Rolle gespielt hätten. Das ist ein Irrtum, der auf einer Doppeldeutigkeit der Rede von "Übungsstücken" beruht. Gemeint ist sie in einem inhaltlichen Sinn; Mozart entwickelt hier keine eigenen formalen Ideen bezüglich der Gattung des Klavierkonzerts, sondern hält sich an traditionelle Muster. Da aber zu seiner Zeit keinesfalls nur solche Werke als künstlerisch zufriedenstellend (und im Konzertbetrieb aufführbar) galten, die sich als ein einzigartiges, originäres, oder geniales ausweisen konnten, ist die Bezeichnung als "Übungsstücke" eben nicht so zu verstehen, als wären diese konventionellen Konzerte in der Praxis der Konzertreisen der Mozarts bedeutungslos gewesen. Im Gegenteil, man sollte wohl davon ausgehen können, daß diese Konzerte auch aufgeführt worden sind. Sie enthalten durchaus musikalisches Material namhafter Komponisten dieser Zeit, obendrein mit dem attraktiven Bonus der größeren Besetzung, und beides verleiht den Werken einen zusätzlichen, werbewirksamen Reiz.[8]

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2. Die Konzerte KV 107

1. Den Konzerten KV 107 liegen nun (gegenüber den "Pasticcio"-Konzerten) vollständige Klaviersonaten eines Komponisten, nämlich Johann Christian Bachs zugrunde, und zwar die Sonaten op. 5, 2-4.[9] Dem entsprechend werden nun auch nicht mehr nur Sonatenkopfsätze, sondern auch andere Typen von Sonatensätzen in die Bearbeitung einbezogen (Menuett, Thema und Variationen, Rondo), das sind jeweils die letzten Sätze der drei Sonaten (von denen nur die erste dreisätzig ist, die beiden anderen zweisätzig sind).

2. Es gab in der Musikwissenschaft einige Diskussionen um die Frage der Datierung dieser Konzerte. Bachs Sonaten wurden 1766 veröffentlicht; man nahm daher ursprünglich an, daß die Bearbeitungen Mozarts erst daraufhin entstanden sein könnten. Köchel datierte sie auf 1770 und nahm sie im KV unter Nr. 107 auf.[10] Später, nachdem man die Herkunft der Konzerte aus der Klaviermusik Johann Christian Bachs aufgeklärt hatte, datierte man sie (aus stilistischen Gründen) um, und zwar jetzt auf 1765/66 (mit der Hilfsannahme, Mozart hätte auf seiner London-Reise 1764 die Manuskripte von Bach erhalten). Nach dieser Datierung erfolgte 1937 die Einreihung in das Köchelverzeichnis an der Stelle 21b.[11]

Das würde bedeuten, daß sie auch vor der Reihe der "Pasticcio"-Konzerte entstanden, also in der Tat allererste "Gehversuche" Mozarts auf dem Terrain dieser Gattung gewesen wären. Die geringe Größe des geforderten Orchesters schien diese Einschätzung zu bestätigen. Eine beträchtliche Zeit galten die Sonaten-Konzerte daher als primitive Vorstufen späterer Mozartscher Arbeiten.[12]

Anhand minutiöser Untersuchungen am Autographen[13] gelangte man jedoch schließlich wieder zur urspünglichen Datierung zurück. Heute geht man davon aus, daß "das Autograph [...] frühestens Ende 1770 geschrieben [sei], wahrscheinlich aber noch später (das heißt unbedingt nach den Pasticcio-Konzerten)".[14]

3. Am Autographen läßt sich übrigens eine Eigentümlichkeit des Vorgehens bei der Bearbeitung der Sonaten ablesen: Offenbar hatte Mozart zunächst den orchestralen Grundriß skizziert und die Orchesterstimmen auskomponiert, und erst daraufhin hat Leopold Mozart den Klavierpart, also im wesentlichen die Sonaten Bachs, hinzunotiert. Das läßt sich daran ablesen, daß "der Schreiber Leopold wiederholt Mühe hat, die Klavierstimme auf dem zur Verfügung stehenden Raum unterzubringen". [15] Man mag dies als ein zusätzliches Indiz dafür werten, daß es sich bei diesen Werken keinesfalls um Schülerstudien im üblichen Sinn mehr handelt.

4. Dafür spricht schließlich noch ein weiterer Punkt: Die Orchesterbesetzung aller drei Konzerte ist von kammermusikalischem Zuschnitt: es spielen eine I. und eine II. Violine sowie Baß (an der Bezifferung des Basses in den Tutti-Passagen läßt sich erkennen, daß das Klavier bzw. Cembalo hier wohl als continuo-Instrument wirken sollte). [16] Man hat, wie oben (§ 2) schon erwähnt, darin einen Hinweis auf eine gewisse Primitivität der Arbeit gesehen; doch auch hier ist das Urteil der Mozart-Forschung inzwischen revidiert worden: Diese Art der Besetzung repräsentiert "einen eigenen, kammermusikalisch intimen Typus [...]; ihm gehört unter anderem ein großer Teil der Klavierkonzerte Johann Christian Bachs an, und es scheint, Mozart habe den Typus auch in späteren Jahren keineswegs geringgeschätzt." [17] (Im übrigen wird die Existenz zweier Exemplare von Kadenzen für das Konzert KV 107, 1 als Evidenz dafür angesehen, daß "das betreffende Konzert von Mozart für mehrere Schüler und Aufführungen verwendet wurde.") [18]

5. Da ich hier in technischen Details lediglich auf das erste dieser Konzerte eingehen werde, sollen an dieser Stelle die wichtigsten formalen Unterschiede der Konzerte KV 107, 2 und 3 gegenüber der Nr. 1 zumindest kurz skizziert werden: Beide sind lediglich zweisätzig, bestehend aus einem Kopfsatz in der Sonatenform (im Fall von Nr. 2 eine verkürzte Sonatenform) und einem weiteren Satz, Thema und Variationen bzw. Rondo. Alle Kopfsätze enthalten eigens geschaffenen Raum für Kadenzen. Im zweiten Konzert sind die Umarbeitungen, die Mozart vorgenommen hat, am geringsten.

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3. Die Ausgangssituation: Konzerte aus Sonaten

Die von Mozart vorgenommene Bearbeitung erfordert eine Synthese der Anforderungen zweier Gattungen: ursprünglich als Sonaten konzipierte Werke müssen entsprechend den Ansprüchen, die üblicherweise an Konzerte gestellt wurden, verändert werden.

1. Während der Sonatensatz des mittleren 18. Jahrhunderts nach einem harmonischen Kontrastprinzip strukturiert war (der erste Teil begann in der Tonika und modulierte in eine nahegelegene Tonart, der zweite Teil gelangt nach einiger Modulation wieder in die Tonika und rekapituliert dort das thematische Material - entweder vollständig oder ohne die Teile, die anfänglich schon in der Tonika standen), ist das beherrschende Prinzip des Konzerts ein Kontrast der Klangfarbe (Tutti vs. Soloinstrument). Außerdem stellt es üblicherweise mehr Gelegenheit zur Demonstration virtuoser Fähigkeiten zur Verfügung. [19]

Beiden Anforderungen wird Mozart gerecht, und zwar (erstens) durch das Hinzufügen von Tutti-Passagen, die teils aus thematischem Material der Sonaten, teils aus eigens von Mozart hinzukomponiertem Material bestehen. So wird die konzert-typische Kontrastwirkung erzielt, allerdings ohne die formalen Besonderheiten der Sonatensätze (v.a. im Harmonischen) zu zerstören. In den Kopfsätzen der drei Konzerte sowie im zweiten Satz des ersten Konzerts[20] schafft Mozart (zweitens), wieder durch Hinzufügen eigenen Materials, Raum für abschließende Kadenzen. (Für das erste Konzert sind zwei originale Kadenzen überliefert, der extra geschaffene Platz ist allerdings auch in den beiden anderen Konzerten vorhanden.) [21]

2. Obwohl Mozarts Konzerte KV 107 die einzigen uns bekannten Beispiele von zu Konzerten bearbeiteten Klaviersonaten darstellen[22], ist die Möglichkeit dieser Praxis seinen Zeitgenossen durchaus bewußt. Das macht es zumindest nicht unwahrscheinlich, daß dergleichen öfter durchgeführt wurde, als wir heute durch Überlieferungen wissen. Zumindest geschah es, daß Komponisten einem präexistentem (Klavier-) Solopart Orchesterritornelle hinzufügten, um ihn so aufzuführen (obwohl nicht bekannt ist, ob es sich dabei um eine Kooperation zur Anfertigung eines neuen Konzerts oder um separates Komponieren einer Sonate und anschließende Erweiterung zum Konzert handelte). [23]

Immerhin gibt es außerdem ein Beispiel für eine theoretische Überlegung, in welcher das Verfahren Mozarts dem Gedanken nach durchgespielt wird: Georg Joseph Vogler schrieb 1779: "Wer ein Concert sezen will, thut wohl, wenn er sich zuerst eine gewöhnliche Sonate macht. Der erste Theil hievon giebt das erste, der andere Theil das zweite Solo. Vor dem ersten, nach dem zweiten, zwischen dem ersten und zweiten Theile wird ein Vor- Nach- und Zwischenspiel von Instrumenten vorgetragen; und da Tutti in welscher Sprache Alle heißt: so nennt man zum Gegensatz des Allein- des Solospielers jene Vollständigkeit Tutti." [24]

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4. Beispielanalyse: KV 107,1

Ich werde diese Beispielanalyse als Vergleich, Satz für Satz durchführen. Dabei werde ich jeweils zunächst den Aufbau des Sonatensatzes von Bach skizzieren, um anschließend Mozarts Bearbeitung zu untersuchen. Besonderes Augenmerk liegt dabei naturgemäß auf formalen Gesichtspunkten, denn diese sind Gegenstand der Veränderung, und die oben (3. Abschnitt) explizierte Problematik der Umarbeitung eines Sonatensatzes in einen Konzertsatz ist ja in wesentlichen Zügen eine Fragestellung der Formenbehandlung.


4.1 Allegro

a) Sonate

Der Sonatensatz ist zweiteilig, beide Teile werden wiederholt. Der erste Teil exponiert ein Thema in der Tonika, moduliert in die Dominante, und bringt dort ein weiteres Thema; er endet mit einer Fortspinnung des zweiten Themas und Schlußgruppe in der Dominante. Der zweite Teil beginnt mit einem dritten Thema in der Dominante, moduliert zurück in die Tonika und bringt dann eine Reprise des ersten Teils, wobei das zweite Thema nun in der Tonika erscheint. Es handelt sich also um eine typische Sonaten-Allegro-Form.


b) Konzert

Es wird in diesem Satz (bis auf geringfügige Veränderungen) vom Solisten die Sonate Bachs gespielt, durchsetzt allerdings von Tutti-Einschüben, die die Funktion des Ritornells übernehmen. Auf diese Weise entsteht der für die Form des Konzerts typische Kontrast zwischen Solo und Tutti (Ritornell), jedoch mit einer Veränderung der Proportion: das quantitative Gewicht verlagert sich auf die Solopassagen. Außerdem schafft Mozart Raum für eine Kadenz, ein wesentliches Element der Gattung des Konzerts.

Ich weise auf drei wesentliche Elemente der Umarbeitung Mozarts hin: das einleitende Tutti, das dann auch das Material für die anderen Tutti-Einschübe liefert (1), den abschließenden Tutti-Teil mit der (von Mozart komponierten) Kadenz (2), sowie die dramatisierende Funktion der Begleitstimmen in den Solo-Passagen (3).

1. In Mozarts Bearbeitung wird die Exposition (der erste Teil der Sonate) zwar nicht wiederholt, es gibt allerdings ein einleitendes Tutti, in dem beide Themen eingeführt werden. Der einschneidende Unterschied ist jedoch, daß in Mozarts Tutti-Teil beide Themen zunächst in der Tonika stehen, erst in dem anschließenden Solo-Part (der dem ersten Teil von Bachs Sonate entspricht) gibt es einen Kontrast zwischen dem ersten Thema (in der Tonika) und dem zweiten (in der Dominante). Dem entsprechend ist die (in der Sonate) modulatorische Passage vor der Einführung des zweiten Themas um zwei Takte gekürzt. Hier folgt Mozart also der Konzert-Tradition, nach der die Tutti-Ritornelle harmonisch stabil bleiben und nicht modulieren. Gleichzeitig verweist die doppelte Exposition auf spätere Konventionen in der Konzertkomposition.

Mozarts Eingangstutti endet mit einer (nicht auf thematischem Material der Sonate beruhenden) Codetta (T 24-28), die zweimal wieder erscheint: am Ende der Soloexposition (in der Dominante; T 70-74), und am Schluß des Satzes (und hier natürlich in der Tonika; T 148-152). Diese sykopierte Passage ist nicht zufällig sehr auffällig, man könnte sagen: ohrenfällig. Sie hat eine entschieden didaktische Funktion. Mozart bringt sie an allen formal wichtigen Stellen, immer dort, wo darauf hingewiesen werden soll, wie hier eine Sonaten-Form die Anlage des Satzes bestimmt (im einzelnen: am Schluß des Eingangs-Tuttis, bevor die Soloexposition beginnt, dann am Schluß der Exposition, also vor der Durchführung, und schließlich nach der Kadenz am Endes des Satzes).

2. Die Kadenzen des ersten und zweiten Satzes werden durch vorangehende Tutti-Teile vorbereitet, die nach Tremolo (bzw. gebrochenen Akkorden) in den Streichern auf Dominantquartsextakkord mit Fermate enden.

3. In den Solo-Teilen, in denen vom Klavier die Sonate Bachs gespielt wird, beschränkt sich die Funktion des Orchesters (obwohl es relativ häufig mitspielt) auf reine Begleitfunktionen. Der Satz ist leicht, die Streicher betonen lediglich die Konturen der Oberstimme des Soloinstruments, oder es wird der Baß mitgespielt.

Es gibt aber Stellen, an denen Mozart auch die Begleitung bewußt zur zur Verstärkung und Verdichtung des Satzes und damit zu einer Dramatisierung des musikalischen Geschehens einsetzt. Als Beispiele nenne ich zwei Passagen in der Durchführung, T 84-92 und 97-104. In beiden Fällen handelt es sich um Stellen, in denen Bach einen viertaktigen Abschnitt wiederholt. Mozart benutzt die Begleitstimmen, um die Wiederholung auszukomponieren und so eine Steigerung zu erreichen (man könnte im ersten Beispiel mit dem nacheinander erfolgenden Einsatz der Violinen im forte von einem ausinstrumentierten crescendo sprechen), bevor eine kontrastierende Passage mit unbegleitetem Klavier bzw. - im zweiten Beispiel - die Reprise des Satzes einsetzt.

So entsteht (auch ohne explizites Tutti) eine zusätzliche Kontrastwirkung, die einerseits den Konzert- und dramatischen Charakter, andererseits aber (zumindest im zweiten Beispiel), weil an einem sonatentechnisch wichtigen Punkt eingesetzt, auch die Sonatenform unterstreicht (ebenso wie die oben genannte synkopierte Codetta).


4.2 Andante (bei Bach: Andante di molto)

a) Sonate

Der Mittelsatz steht in G-Dur, er besteht aus zwei Teilen, die jeweils wiederholt werden. Der erste Teil exponiert nacheinander zwei Themen, das zweite Thema (in der Dominante) wird weitergeführt, der Teil endet mit einer figurativen Schlußpassage (ebenfalls in der Dominante). Im zweiten Teil erscheint zunächst das erste Thema (in der Dominante), dann gibt es eine stark modulatorische Passage (Durchführung), schließlich erfolgt eine Reprise in der Tonika, allerdings eine Reprise nur des zweiten Themas und der Schlußgruppe, also der Teile, die im ersten Teil in der Dominante standen (verkürzte, sogenannte "Scarlatti"-Sonatenform).


b) Konzert

Mozart stellt (wie auch im ersten Satz) den Kontrast zwischen Solo- und Tutti-Teilen her, indem er eigenständiges Material als Tutti-Passagen einschiebt. Auch hier gibt es ein relativ umfangreiches (16 Takte) einleitendes Tutti, dann wird vom Soloinstrument die Sonate mit weiteren, kurzen Tutti-Einschüben gespielt, schließlich gibt es ebenfalls ein abschließendes Tutti mit eingefügter Kadenz.

Das einleitende Tutti bringt zunächst, in den ersten vier Takten, das erste Thema; es schließt mit den letzten acht Takten der Exposition, also mit der figurierten Schlußgruppe, die allerdings in der Tonika steht (so wie in der Sonate am Ende der Reprise). Dazwischen liegen vier Takte einer eigenständigen Fortspinnung des Themas, die dem thematischen Material durch Mozart hinzugefügt wurden.

Wichtig ist, daß es eben dieses eigenständige, nicht aus der Sonate kommende Material ist, das Mozart für eine weitere Tutti-Passage verarbeitet: Nämlich nach der Exposition, bevor das Kopfthema wieder (nun in der Dominante erscheint; T 39-42). Auch der nächste Tutti-Einschub - vor der Reprise des zweiten Themas, T 54-56 - ist, nicht der Sonate entnommenes, also von Mozart hinzugefügtes Material. Das gilt ebenso für das abschließende Tutti, das den Rahmen für die Kadenz bildet (T 71-75). Abgesehen davon also, daß das einleitende Tutti mit dem Kopfthema des Satzes beginnt, bestehen die Tutti-Passagen und die Solopassagen nicht aus demselben motivischen Material.

Mit den Tutti-Einschüben erzielt Mozart nicht nur eine (klangliche und motivische) Kontrastwirkung gegenüber den Solopassagen, sondern betont auch die Form der Sonate, denn die Tutti erscheinen jeweils an den sonatentechnisch relevanten Einschnitten des Satzes.


4.3 Tempo di Minuetto - Minore (bei Bach: Minuetto - Minore)

a) Sonate

Der dritte Satz besteht aus einem Menuett mit Trio (in Moll); sowohl Menuett als auch Trio haben einen A-Teil (wiederholt) sowie einen B-A'-Teil (ebenfalls wiederholt), dabei ist der Unterschied zwischen A und A' im Menuett lediglich die Art des Abschlusses (A: Halbschluß, A' vollständige Kadenz).

b) Konzert

Hier hat Mozart im Zuge der Umarbeitung am stärksten in die Formgebung eingegriffen. Das gilt allerdings nur für den Menuett-Teil, dem Trio hat er lediglich Begleitstimmen hinzugefügt.

Das Menuett, das nach dem Trio wiederholt wird, wird nicht nur durch Tutti-Einschübe, sondern auch durch Wiederholungen einzelner Taktgruppen aus der Sonate erweitert, im einzelnen werden T 13-16 und T 25-26 der Sonate wiederholt (im Konzert T 21-28 bzw. T 47-50).

Die Wiederholung des zweiten Teils des Sonaten-Menuetts (T 9-21) entfällt; die ersten acht Takte werden zwar auch nicht wiederholt, dafür gibt es allerdings ein einleitendes Orchester-Tutti, das in den ersten vier Takten das Kopfthema des Menuetts exponiert (man könnte also von einer auskomponierten Wiederholung sprechen).[25] Damit wird der Konzertsatz (ohne die Wiederholungen) beinahe ebenso lang wie der Sonatensatz (mit den Wiederholungen), und das gilt nun auch für das da capo des Menuetts nach dem Trio.

Die beiden großen Tutti-Einschübe T 28-34 und (das abschließende Tutti) T 52-58 entstammen nicht dem thematischen Material des Sonatensatzes (und sind somit ein eigener Beitrag Mozarts zur Erhöhung der konzertanten Wirkung des Schlußsatzes).

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Zusammenfassung

Mit Hilfe der Beispielanalyse lassen sich im wesentlichen die folgenden Umarbeitungstechniken erkennen:

a) die Erzeugung eines Solo-Tutti (bzw. Ritornell)-Kontrastes durch (in die Sonate eingefügte) Tutti-Abschnitte, die aus thematischem Material der Sonate bestehen können, teilweise aber auch von Mozart hinzukomponiert wurden;

b) Konzertsaal-typische Elemente wie die Kadenz werden in die Form des Satzes integriert;

c) Der ganze Sonatensatz wird (bspw. mit Hilfe der Begleitstimmen) dramatisiert;

d) Die Sonatenform bleibt (vor allem in den Solopassagen) zwar erkennbar, andererseits entstehen vollgültige Konzertsätze mit charakteristischem Klangfarben-Kontrast und virtuosen Elementen. Dies geschieht aber gleichzeitig mit einer (sich auf alle kompositorischen Gestaltungsmittel erstreckenden) Betonung der formalen Anlage. Diese didaktische Verdeutlichung der abstrakten formalen Prinzipien, die die "Architektur" des Sonatensatzes bestimmen, ist ein wichtiges Element, das sich auch in späteren Mozartschen Klavierkonzerten in ausgeprägter Form stets findet.

Damit verweist das analysierte Werk aus der Gruppe der Konzerte KV 107 entschieden auf die späteren, "eigenen" Klavierkonzerte, insbesondere durch Merkmale, die der innovativen Bearbeitungsstrategie Mozarts entstammen.

(Januar 2000)

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Quellen

Johann Christian Bach, "Sonate op. 5, 2 für Hammerklavier". In: Collected Works of Johann Christian Bach. General Editor Ernest Warburton. New York: Garland 1985, 74-79.

Wolfgang Amadeus Mozart, "Konzert in D nach der Klaviersonate op. V, 2 von Johann Christian Bach KV 107 (21b), I". In: Neue Ausgabe sämtlicher Werke. Serie X: Supplement, WG 28 Abt. 2. Vorgelegt von Walter Gerstenberg und Eduard Reeser. Leipzig: Deutscher Verlag für Musik 1964, 165-186.

Georg Joseph Vogler, Betrachtungen der Mannheimer Tonschule. (Mannheim 1779-1780) Reprint. Hildesheim: Olms 1974.

Literatur

Marta Feldman, "Staging the Virtuoso: Ritornello Procedure in Mozart, from Aria to Concerto". In: Mozart's Piano Concertos. Text, Context, Interpretation. Edited by Neal Zaslaw. Ann Arbor: University of Michigan Press 1996, 149-186, bes. 171f.

Marius Flothuis, Mozarts Klavierkonzerte. München: Beck 1998.

Walter Gerstenberg, "Vorwort. Die Konzerte nach Johann Christian Bach". In: Wolfgang Amadeus Mozart, Neue Ausgabe sämtlicher Werke. Serie X: Supplement, WG 28 Abt. 2. Vorgelegt von Walter Gerstenberg und Eduard Reeser. Leipzig: Deutscher Verlag für Musik 1964, XVI-XIX.

Konrad Küster, Mozart. Eine musikalische Biographie. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1990.

Regula Rapp, "Wolfgang Amadeus Mozart und das Klavierkonzert". In: Musikalische Metamorphosen. Formen und Geschichte der Bearbeitung. Hg. von Silke Leopold. Kassel u.a.: Bärenreiter 1992, 78-82.

Edwin J. Simon, "Sonata into Concerto. A Study of Mozart's first seven concertos". In: Acta Musicologica 31 (1959), 170-185.

Susanne Staral, "Aufführungspraktische Aspekte zu W.A. Mozarts Klavierkonzerten KV 107, einer Bearbeitung von Johann Christian Bachs Klaviersonaten op. V/2-4". In: Wolfgang Amadeus Mozart. Ein Beitrag zu seinem 200. Todestag. Aufführungspraxis - Interpretation - Edition. Hg. von Eitelfriedrich Thom Institut für Aufführungspraxis, Konferenzbericht der XVIII. Arbeitstagung Michaelstein, 14. bis 17. Juni 1990. Michaelstein/Blankenburg 1991, 111-115.

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[1]

Marius Flothuis, Mozarts Klavierkonzerte, 10.
(Für ausführliche Literaturnachweise s. Literaturverzeichnis am Ende des Aufsatzes.)

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[2]

Marta Feldman, "Staging the Virtuoso", 170.

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[3]

Ebenso ist es natürlich angebracht, auf andere Genres zu sehen, in denen sich Mozart vor der Komposition seiner ersten (eigenen) Instrumentalkonzerte betätigt hatte. So untersucht etwa der in der leztten Fußnote zitierte Aufsatz von Martha Feldman die Zusammenhänge zwischen Arien und Klavierkonzerten bei Mozart. Diesen Aspekt werde ich in der vorliegenden Arbeit nicht weiterverfolgen.

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[4]

Abgesehen von einem frühen Trompetenkonzert (KV 47c, verschollen), das nach einem Bericht von Leopold Mozart Ende 1768 in Wien uraufgeführt worden sein soll, hat sich Mozart offenbar mit der Gattung des Instrumentalkonzerts nicht vor 1773 (der Zeit der Entstehung des ersten Violinkonzerts, KV 207) beschäftigt; vgl. Konrad Küster, Mozart, 40 und 52.

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[5]

Strenggenommen ist der Komponist eines der zugrundeliegenden Sonatensätze, nämlich des Mittelsatzes von KV 37, bisher nicht bekannt (vgl. Marius Flothuis, Mozarts Klavierkonzerte, 10, also Stand von 1998).

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[6]

Edwin J. Simon, "Sonata into Concerto", 178.

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[7]

Vgl. etwa Marius Flothuis, Mozarts Klavierkonzerte, 10.

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[8]

Das gilt natürlich in derselben Weise auch von den späteren Bearbeitungen, also KV 107; hier belegen zusätzlich die überlieferten Kadenzen (in verschiedenen Versionen), daß die Konzerte tatsächlich eine Rolle im musikalischen Repertoire der reisenden Mozart-Familie gespielt haben dürften (s. auch unten 2. Abschnitt, §4; vgl. etwa Regula Rapp, "Wolfgang Amadeus Mozart und das Klavierkonzert", 82).

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[9]

Hier mag die bekannte Verehrung Wolfgang und Leopold Mozarts eine Rolle gespielt haben (s. etwa Walter Gerstenberg, "Vorwort. Die Konzerte nach Johann Christian Bach", XVI). Allerdings ist über die Motive zur Auswahl der Vorlage nichts bekannt. Somit bleibt auch reine Vermutung, Mozart habe sich außer der Form des Konzerts (die er in dieser Phase seiner Ausbildung auch in einer völlig eigenständigen Komposition bereits hätte erproben können) auch Stilmerkmale der Bachschen Sonaten wie "Natürlichkeit, Faßlichkeit und leichte Spielbarkeit" im Zuge der Bearbeitung aneignen wollen (Regula Rapp, "Wolfgang Amadeus Mozart und das Klavierkonzert", 79).

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[10]

Walter Gerstenberg, "Vorwort. Die Konzerte nach Johann Christian Bach", XVII.

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[11]

Ebd.

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[12]

Ebd., XVIII.

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[13]

Es existiert lediglich eine Handschrift in der Staatsbibliothek in Berlin; zum Autographen s. ebd., XVII.

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[14]

Ebd.

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[15]

Ebd.

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[16]

Vgl. hierzu ebd., XIX.

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[17]

Ebd., XVIII.

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[18]

Susanne Staral, "Aufführungspraktische Aspekte zu W. A. Mozarts Klavierkonzerten KV 107, einer Bearbeitung von Johann Christian Bachs Klaviersonaten op. V/2-4", 112. "Zwei Exemplare von Kadenzen" bedeutet: erstens die originalen, mit den Konzerten selbst, zweitens später von Mozart angefertigte Kadenzen; die ersteren sind allerdings im zweiten Weltkrieg verlorengegangen, nur die letzteren sind erhalten (ebd.).

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[19]

Edwin J. Simon, "Sonata into Concerto", 171.

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[20]

Wie unten noch gezeigt wird; dies ist der einzige langsame Satz in den drei Konzerten KV 107, das zweite und dritte Konzert sind zweisätzig.

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[21]

Regula Rapp, "Mozart und das Klavierkonzert", 80.

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[22]

Edwin J. Simon, "Sonata into Concerto", 171.

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[23]

Ebd.

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[24]

Georg Joseph Vogler, Betrachtungen der Mannheimer Tonschule, 36f.

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[25]

So Edwin J. Simon, "Sonata into Concerto", 173.

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Document update 3 May 2001